Das Ding mit: den Grenzen

Grenzen sind tolle Dinger. Sie sind alles in einem: flexibel und starr. Geben ein molliges Gefühl von Sicherheit und einen Grund, etwas verteidigen zu dürfen. Sie fühlen sich irre notwendig an. Und trotzdem hat es im Laufe der Jahrhunderte letztlich niemanden gekrazt, wenn sie sich verschoben oder gar verschwanden. Es hat nur die gekrazt, die daran beteiligt waren den momentanen Zustand einer Grenze zu sichern und aufrecht zu erhalten. Deshalb muss für jede neue Grenze und neue Generation derer, die sie errichten oder sichern sollen, neue Begründungen gefunden werden. Denn die Grenze ist nicht das Wichtigste an der Grenze. Es ist die Überzeugung, dass sie notwendig wäre.

Man kann machen was man will. Hauptsache, man kann´s gut begründen

Grundsätzlich gilt: jeder will seine Gruppe „beschützen“. Ganz uriges Grundbedürfnis. Wer zur Gruppe gehört und wer nicht ist immer neu wählbar. Je nachdem, wem es wie nützt.

Dabei gibt es viele Kategorien, um zu begründen, dass das „Andere“ einem gefährlich werden könnte. Ausgangsdifferenz: das Aussehen. Ist ja auch am einfachsten: „Die Europäer“ sind weiß. „Die Araber“ eher caramel-farbend. „Die Afrikaner“ braun bis schwarz. „Die Asiaten“ irgendwie gelblich. Und „Latinos“ rötlich. Hmm, naja, eigentlich sind sie ja auch eher braun. Und Asiaten können ganz schon weiß sein. Vor allem gibt´s ja auch schwarze Europäer und weiße Afrikaner….da geht´s schon los. Selbst bei meiner eigenen Argumentation fang ich an kleinlich zu werden. Wir wissen, was ich meine.

Aber im Laufe der Zeit waren die Mächtigen kreativ.

Ein paar Beispiele für sehr überzeugende Begründungen, warum man irgendwo einreiten darf. Oder irgendwem was weg nehmen. Oder irgendwen ausschließen. Warum das, was meine Gruppe tut, besser ist als das, was die „anderen“ tun und wir demzufolge also das tun dürfen, was wir tun. Auch, wenn´s objektiv betrachtet ganz schön fies ist.

  • Der Evergreen: Gott.

Der wollte das angeblich immer so, dass einige andere unterdrücken. Zieht sich ja bis heute durch. Unterscheidungsmerkmal: deine Wahrheit ist weniger Wert als meine. Ich kenne „die wahre Wahrheit“, du nicht.

  • Reproduktion, ergo Frauen.

Ein sehr überzeugender Grund für männliche Auseinandersetzungen. Seit Jahrhunderten beliebt. Der Streit um „die Frau“. Im Grunde geht es da um´s Ego. Aber das wäre nicht so hübsch als Mobilisierungsgrund. Viel zu selbstkritisch. Also bleiben wir bei „Liebe“ und „Ehre“. Braucht nicht viel Erklärung. Vor allem ganz besonders gut geeignet, weil sich Männer da sehr einig sind. Egal welcher Couleur. Es sind ja letztendlich auch die Männer, die die Kriege umsetzen. Und, die die ökonomischen und politischen Machtverhältnisse durch Krieg verschieben. Dafür brauchen sie einen Grund. Und der ist mit „der Frau“, die ja Ressourcen benötigt, damit ein Männchen für sie interessant ist, gegeben.

  • Identitätsmarker und abstrakte Schlagwörter, wo jeder denkt, er wüsste, was damit gemeint ist und man gar nicht lange nachdenken braucht. Diese Methode ist besonders seit einigen Jahrzehnten sehr beliebt.

Hitlist:„Kultur“, oder „Tradition“. Seit der Neuerfindung der „Nation“ wird auch gern die Nationalität als Unterscheidungsmerkmal verwendet. Mit der Zuschreibung von Charakterzügen basierend auf pseudowissenschaftlichen Strömungen seit der Aufklärung werden auch gerne phänotypische Begründungen verwendet, wie „die Hautfarbe“ oder „die Nase ist zu lang“. Besonders effektiv zur Abgrenzung wird es, wenn man „Nation“ mit „Hautfarbe“ kombiniert. Aussehen mit Charakterzügen oder anderen Abgrenzungsmarkern vermengt.

(Kleiner Tipp: Mit dieser Argumentation muss darauf geachtet werden, dass man sich an Menschen richtet, die keinen regelmäßigen Kontakt mit anderen Phänotypen haben. Sonst klappt die Zuschreibung mit dem Aussehen nicht so richtig und die Überzeugung sinkt. Siehe schwarze Europäer und weiße Afrikaner. Asiatisch aussehende Kanadier und europäischaussehende Lateinamerikaner.)

Man erkennt also – irgendwas findet sich schon.

Mauern: ein Qualitätsprodukt

Wenn man dann die Begründung gefunden hat und überzeugend an den Mann gebracht, dann kann man loslegen. Es müssen nicht immer gleich Kriege sein.

Mauern reichen ja zum Ersten. Sie sind eine beliebte Abschottungsetappen. Denn sie haben gleich mehrere, sehr praktische Abschottungs- und Emotionalisierungsfunktionen.

  1. Physisches Symbol: offensichtlich ist es notwendig, sich zu schützen. Sonst müsste man sie ja nicht errichten. Steigert also die emotionale Überzeugung.
  2. Katalysator für die mentalen Mauern, die vorher so schön vorbereitet wurden durch das Abstecken der vorher gewählten Kategorien – Ehre, Religion /Ideologie, Nation, Hautfarbe, zu lange Nase. Je nachdem, was im Angebot ist und am besten passt.

Diese immer gleiche Logik zieht sich durch die Geschichte und Kulturen.

Zum Beispiel der Limes. Begründung: die Babaren. Letztendlich praktisch betrachtet: Kontrolle über das eigene Territorium zum Machterhalt.

Die Chinesische Mauer. Begründung: Schutz vor Reitervolk. Letztendlich praktisch betrachtet: Egoprojekt.

Der „antifaschistischen“ Schutzwall. Begründung: Schutz vor … tja… wovor…? Vor der „Infiltrierung der Ideologie des „Feindes““. Hat die gleiche Argumentationsstruktur, wie das mit „Gott“ oder „unsere“ Wahrheit ist wahrer, als deine. Praktisch: Schiss vor Machtverlust.

Beim Gazastreifen. Begründung: Übergangslösung. Praktisch: mittlerweile wurden so viele Trennlinie kreiert. Und zu jeder Trennlinie gibt es geopolitisch, internationale, ökonomische Interessen, die hier zu weit führen.

Kenia kommt nun auch auf diese grandiose Methode. An der Grenze zu Somalia wird nun eine Mauer gebaut. Begründung: Schutz vor der Al Shabaab. Praktisch: Ein gemeinsamer Feind.Und das Ablenken von der eigenen politischen Schwäche. Ein schwarzes Schaf finden, was an allem, was nicht rund läuft, Schuld haben kann.

Es gibt unzählige Beispiele.

Hier an der Grenze zu Europa ist es wieder der Klassiker: Machterhalt.

Mauern sind also Symbol einer sehr gleichen menschlichen Verhaltensweise.

Und praktischerweise auch Katalysator für Aggression aufgrund von Ausgrenzung.

Wir kennen dieses Gefühl alle aus den Buddelkasten-Zeiten. „Ne, du darfst nicht mitspielen.“ Man fühlt sich ungerecht behandelt. Das regt eher unschöne Gefühle den anderen gegenüber. Und motiviert noch mehr sich erst recht um´s Förmchen zu kloppen.

Und Mauer provozieren Neugier. Westberlin zum Beispiel wurde subventioniert, um ganz besonders reich nach Ostberlin rüber zu blinken und die Ossi anzufixen, wie schön es im Westen ist. Und auch hier sieht man den Effekt. Viele Migranten sind nur noch neugieriger. Denn sie sagen sich: was muss es da Tolles auf der anderen Seite geben, dass die Europäer so vehement vor uns beschützen wollen!

Egal in welcher Größenordnung – im Buddelkasten oder auf Weltpolitikebene – immer die gleiche menschliche, banale Grundmotivation. „Die“ und „wir“. Und: „die“ könnten „uns“ gefährlich werden. Trennlinien und Kategorien gibt es zuhauf. Je nach Bedarf frei wählbar und erfahrungsgemäß verlässlich. Und mit Mauern wunderbar visualisiert.

Und da denken wir immer, wir seien so komplex.

 

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