Das Ding mit: Kultur, Tradition und Kleidung

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Fotos: Anna Hilde

An dieser Stelle eine weitere Nebensächlichkeit, die im Alltag auffällt. Eine davon ist eine ganz bestimmte Kleiderordnung, die neben den sehr eindeutig muslimischen Gewändern und oft auch westlich geprägten Kleidungselementen, unglaublich oft die Straße ziert. Anfangs dachte ich noch, es handle sich um eine ganz bestimmte Ausdrucksweise einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen, die eine ganz marginale, ganz bestimmte Ausrichtung des Islams praktizieren. Oder so was in der Art. Mit hochtrabenden Interpretationen bleibt man erst mal in der Sicherheit, politische korrekt zu sein.

Besonders marokkanisch: die Zipfelmütze

Ich würde diese Mode so beschreiben: Frisch geduschtes Rumpelstielzchen im Bademantel. Und das in allen erdenklichen Farben und Mustern. Von Indigoblau bis matt-gräulich. Einfarbig oder gestreift. Mit hochstehendem Zipfel oder geknicktem. Für Männer etwas robuster im Stoff, dafür nicht so bunt und spielerisch verziert, wie bei den Frauen. Es ist ein zwiespältiges Gewand. Je nachdem, wie der Mensch, der aus der Zipfelmütze zu erkennen ist, guckt. Bei Männern zumindest. Frauen sehen einfach immer nur elegant aus. Wen überrascht´s.

Wenn es ein tattriger alter Greis ist, in einer vertikal-gestreiftem, blau-beige- farbenden Variante, der sich an seinem Stock die Straße entlang schiebt, empfinde ich eher wohliges Mitleid und erfreue mich an einer kleinen Positivstimmung im sonst recht stressigen Straßen-Alltag. Frisch geduschtes Rumpelstielzchen im Bademantel eben.

Doch es gibt auch Formen, da erschrecke ich eher. Besonders, wenn die Körperform unter dem Gewand eindeutig belegt, dass es sich um einen ausgewachsenen, physisch gesunden männlichen Menschen handelt. Wenn der in einer Seitenstraße an der Wand lehnend in tief-schwarzer Zipfelpracht um die Ecke lugt, fühle ich mich eher so, als würde er mich für ein mögliches satanistisches Ritual als Opfergabe mustern.

Auch, wenn diese Ganzkörperzipfelmütze wunderbar zu diversen rituellen Beschwörungen tragbar wäre, habe ich nun heraus gefunden: es handelt sich lediglich um ein traditionelles Gewand mit dem Namen „Djellaba“, das, so sagen die historischen Quellen, durch die römische Tunika inspiriert wurde. Mein Freund Mohcine meint zwar, es sei aus dem 17. Jahrhundert. Aber naja, ist ja auch egal, wie lange das her ist. Hauptsache ist, dass es irgendwie auf jeden Fall was irre „Traditionelles“ ist.

Diese Tunika gibt es in vielen Maghreb-Ländern. Besonders marokkanisch ist aber tatsächlich die Zipfelmütze. Vielleicht ein Ausdruck der schneebedeckten Berge, die das Land am Rande der Wüste durchziehen? Man weiß es nicht. Es gibt mit Sicherheit Kulturhistoriker, die alles mögliche in dieses Kleidungsstück interpretiert haben.

Mein Freund Mohcine sagt: Es ist schlicht und ergreifend sehr alltagstauglich. Im Winter hält es warm. Im Sommer oder für einen Ausflug in die Sahara, schützt es vor Stürmen und Sand. Und da sich das Wetter seit der Antike wohl in diesen Breitengraden in keinem nennenswertem Ausmaß verändert hat, gibt es keinen Grund, sich dieses Kleidungsstückes zu entledigen. Und, hell yeah, ich weiß jetzt, wie stürmisch und wie kalt es hier sein kann! Und vielleicht fahr ich ja auch nochmal in die Wüste. Auch, wenn´s mich nicht wirklich schmückt – Ich sollte mir vielleicht auch eine „Djellaba“ zulegen.

Tradition, Ursprung, Interpretation. Letztendlich ist das nebensächlich. Es ist bei dieser Tunika wie mit allen Dingen, die Bestand haben – meistens ist es einfach nur praktisch.