Das Ding mit: der Ignoranz

 

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Foto: Anna Hilde

In der Nacht zum 19.April 2015 geschah eine der Katastrophen, die die EU zum „Aufwecken“ brachte. Die EU wurde so sehr aufgeweckt, dass das Jahr 2015 eines der tödlichsten Jahre für Menschen wurde, die über das Mittelmeer versuchten nach Europa zu gelangen. 2016 sieht nicht besser aus. Wir stumpfen ab. Zu jeder Nachrichtensendung gehört mittlerweile, wie ein unabdingliche  Zutat, eine Meldung über weitere Menschen, die im Mittelmeer ertrunken sind.

Sonntag, 19.April 2015: Spiegel Online

Bei einem Schiffsunglück im Mittelmeer könnten erneut Hunderte Flüchtlinge ums Leben gekommen sein. Ihr Boot kenterte in der Nacht zu Sonntag vor der libyschen Küste. An Bord sollen bis zu 700 Menschen gewesen sein.

…der Sonntag nach der Nacht am Sonntag

Am Sonntag waren wir am Strand. Der Wind wehte etwas zu sehr für ein gemütliches Sonnenbad. Das Wasser war etwas zu kalt zum Baden. Aber die Sonne schien. Der Himmel war blau. Und wir genossen, wie viele andere, Einheimische wie Zugereiste, den Sand um unsere nackten Füße. Am Abend zuvor waren wir feiern. Was man halt am Samstag so macht. Also lagen wir etwas verkatert auf unseren Handtüchern und redeten über belanglose Dinge. Dinge, die unseren matschigen Kopf nicht allzu unnötig belasteten.

Und trotzdem lag eine Schwere in der salzigen Luft. Am morgen kam die Nachricht, dass in der Nacht knapp 1000 Menschen im Mittelmeer ertrunken waren. In jener Nacht, in der wir zu „Bailando“ getanzt und Gin Tonic getrunken hatten. In jenem Mittelmeer, an dem wir uns nun von unserer Nacht „erholten“.

Erst in der Woche zuvor waren 400 Menschen ertrunken. 400 plus 1000… innerhalb weniger Tage.

Ich setzte meine Kopfhörer auf und gehe los. Ich kann mich nicht in Diskussionen um komische Namen oder Mischbabies einfügen. Also laufe ich die Küste entlang und lasse das Wasser an meinem Rock ziehen. Ich muss ihn sehr gut festhalten, damit er mir nicht vom Hintern rutscht. Ich spüre die enorme Kraft der Strömung. Das Wasser zieht am Stoff und an meinen Füßen. Dabei stehe ich nur am seichten Rand. Dort, wo das Meer nur noch Spitze der Gischt ist. Mehr Sand als Wasser. Am Ende seines Daseins als Meer.

Ich setze mich in den Sand und beobachtet die Menschen, die sich in die Fluten wagen. Sie wirken verloren. Unwesentlich größer als Lego-Figuren. Kleine, dunkle Silhouetten, vor den sich auftürmenden Wassermassen. Seicht und mediterran, wie man sich das Mittelmeer vorstellt, ist es im April noch längst nicht. Und auch nicht auf dieser Seite des Meeres.

Vor dem Sommer kommt auch hier erst einmal der Frühling. Trotz der immer noch ungemütlichen Wetterbedingungen läutet er die „Saison“ ein. Die „Saison“ der vollgestopften Boote. Boote mit Menschen, die sich kein reguläres Ticket für die Fähre oder das Flugzeug kaufen dürfen.

Das Jahr ist noch jung. Und schon jetzt hat 2015 alle Rekorde gebrochen. Schon jetzt kann sich das Mittelmeer als das tödlichste Gewässer ( inklusive der neusten Zahlen für 2016) für eben jene Menschen „rühmen“.

Einer von denen, die in jenem Boot von Samstagnacht saßen, kam aus dem Dorf unseres Mitbewohners. Es war der Sohn einer Freundin seiner Mutter.

Mittwoch, 20. April 2016 n-tv 

Bis zu 500 Flüchtlinge ertrunken. Uno bestätigt Berichte über Schiffsunglück. Aus dem Gerücht wird Gewissheit: Auf dem Mittelmeer ereignet sich eine der schwersten Katastrophen seit Jahren. Woher das gekenterte Boot kommt, ist allerdings immer noch unklar.

Die Saison hat auch dieses Jahr schon begonnen.

Eine Graphik der Opfer von 15 Jahren Festung Europas und ihre finanziellen und menschlichen Opfer

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