Ankuft in Tanger

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Foto: Anna Hilde

Fangen wir fluffig mit der Vergangenheit an. Vor einem Jahr schrieb ich meine ersten Eindrücke auf. Geprägt durch mehrere Jahre Ostafrika, vor allem Kenya und Äthiopien, habe ich versucht, einen Eindruck von dort zu geben, wo ich drei Monate gelebt habe: in Tanger.

Das Tor zu Afrika und ein Fenster nach Europa.“

Der Satz „Eine Welt der Gegensätze“ wird inflationär benutzt. Als ob es jedes Mal etwas besonderes wäre. Gegensätze gibt es überall. Seitdem sich Menschen aus verschiedenen Gegenden treffen, gibt es Vermischungen. Also sind Gegensätze eigentlich eher die Norm.

Ich muss diesen Satz an dieser Stelle jedoch auch verwenden. Denn hier sind diese Gegensätze besonders offensichtlich. Vor allem durch die geographische Lage. !4 Kilometer sind es nur und schon ist man auf dem spanischen Festland. Doch man muss nicht mal ein Schiff besteigen, um nach Europa zu gelangen. Die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla sind innerhalb eineinhalb Stunden auch per Bus zu erreichen, liegen also auf dem afrikanischen Festland. Der Einfluss der Kulturkreise ist daher sehr spür- und sichtbar. Zusammenfassend könnte man Tanger so beschreiben:

Man sieht Europa. Man riecht Afrika. Und man hört die arabische Welt. Alles jedoch im Übergang, nicht wirklich von einander zu trennen.

Europa ist im ersten Moment vor allem auf und an den Straßen zu erkennen. Es gibt Ampeln, die grob sogar ihre Funktion erfüllen. Auch Fußgänger haben ihre eigenen, rennenden Ampelmännchen. Zebrastreifen sind nicht nur Dekoration. Von außen arabisch anmutend, mit Mosaiken verzierte Flachdachhäusern haben mit Silikon abgedichtete Schiebefenster. Türen sind dekoriert mit Venyl-Schallplatten. Es gibt Waschmaschinen. Heiße Duschen. Und diese vor allem auch immer verfügbar. Wer keine Lust auf Schneckenspieße hat, der kann getrost einen BigMäc oder Pizza finden.

Afrika steckt vor allem im Klima. Auch Wärme hat einen gewissen Geruch. Es riecht leicht schwerlich. Es riecht nach Fingerfood auf die Hand, Kichererbsen und rote Bohnen aus dampfenden Blechtrommeln in Pappe gewickelt. Es riecht nach Obst und Gemüse, das auf der Straße feil geboten wird. Nach rohem Fleisch, das in den Läden den Passanten entgegen hängt. Es riecht nach Abgasen von Mopets und nach Mitdenken beim Überqueren der Straßen.

Die arabische Welt ist natürlich die offensichtlichste. Nicht nur wegen der Architektur, der Kleiderordnung oder Moscheen. Auch kulinarisch schlägt einem der Magreb entgegen. Die Methode ist so, wie ich es aus Ostafrika kenne – auf dem Boden ausgebreitet liegen die Waren auf der Straße oder stapeln sich in kleinen Läden. Doch der Inhalt macht den Unterschied: Datteln und Mandeln. Unterschiedlichste Sorten von Brotfladen. Zuckergebäck. Minztee. Olivenberge.

Vor allem hört man jedoch, dass man sich im arabischen Einflussbereich befindet. Mindestens fünf Mal am Tag, wenn die Muezzine zum Gebet rufen und sich über den Dächern deren Melodien zu einem auditiven Brei vermengt. Oder die musikalische Untermalung während der Taxifahrt. Die Nachrichten, die vom Flachbildschirmfernseher in den Cafés die vor allem dort Kaffee trinkenden Männer informieren. Der wummernde Pop mit leierndem Gesang verziert, der aus den Privatautos tönt. Die Gespräche und das Toben der Kinder aus den Nachbarhäusern, wenn man auf der Dachterrasse die Wäsche aufhängt.

Der Norden Marokkos, vor allem Tanger, ist eine fließende Mischung aus diesen drei vordergründig leicht zu kategorisierenden Kulturkreisen. Die Zwischentöne sind es, die ich herausfiltern möchte. Die Übergänge. Aber auch die Unterschiede, die diese drei Welten trotz der Nähe sehr voneinander trennen. 

Ein Gedanke zu „Ankuft in Tanger

  • 9. Mai 2016 um 8:36
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    Das ist sehr eindrücklich geschrieben. Ich wollte mehr lesen und dann war der Eintrag vorbei. Man kann richtig nachvollziehen, wo Du da steckst. Danke dafür. Kuss und bis bald!

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