Die Grenze zur eigenen Erfahrung machen

Über eine Freundin hielt ich kurz nach meinem Aufenthalt in Marokko das Buch „Am Fuße der Festung“ in der Hand und kontaktierte daraufhin den Autor Johannes Bühler. Hier nun eine Stunde Interview mit einem Menschen, der sich wirklich mit allen Facetten auseinandergesetzt hat. Eine gute Grundlage, Rundumschlag und Einführung ins Thema.

2008 war Johannes Bühler zum ersten Mal in Marokko. An den Grenzen Europas traf er keine Flüchtlinge, sondern Menschen mit eigenen Geschichten. Von ihren Erlebnissen und über seine Erfahrungen im Transitland Marokko erzählt sein Buch.

„Aus der Distanz sieht man keine Wahrheit“

Man müsse seine Distanz aufgeben, um an authentische Berichte zu kommen. So sieht das Johannes Bühler. Deswegen sei es nicht verwerflich, etwa mit seinen Gesprächspartnern zu essen. Denn wo es eine persönliche Ebene gebe, da gebe es auch Vertrauen. Und wo man viel Zeit miteinander verbringe, höre man die Geschichten nicht nur ein Mal. Genau deshalb habe er sich auch für die Erzählform des Buches entschieden. Denn er wollte sich nicht dem Zeitdruck und den Kriterien der Medien beugen. Er wollte keine spektakulären Horrorszenarien, keine Exklusivhascherei betreiben. Er wolle zeigen, wie der Alltag von Menschen ist, die am Rande Europas leben. In Marokko, einem Land, das sie nicht wolle. Einem Land, das von Europa den Auftrag habe, diese Menschen davon abzuhalten, ihre Reise Richtung Norden fortzusetzen.

Mensch ist Mensch

Vor allem wollte er die Menschen wirklich kennenlernen, nicht von „den Flüchtlingen“ sprechen. Sie weder als „gefährlich“ noch „hilfsbedürftig“ skizzieren, sondern einfach als Menschen. Und deswegen hat er sie in seinem Buch selbst reden lassen. Warum solle er ihre Geschichte erzählen, wenn sie selbst es doch viel besser können, sagt Johannes Bühler. Und so hört man sie reden, wenn man das Buch liest, ihre Art zu erzählen, ihre Wortwahl, ihre Attitüde. Grob und schüchtern. Naiv und informiert. Motiviert und ausgelaugt.

Die Geschichten haben mich gesucht. Deshalb war es mir auch wichtig, die Protagonisten nicht zu wählen. Ich wollte kein bestimmtes Bild vermitteln, sondern die Breite an Charakteren und Persönlichkeiten zeigen, die in Marokko gestrandet sind. Jeder hat seine Gründe nach Europa zu wollen. Und ich kann nicht bewerten, warum der Eine einen besseren hätte, als der Andere.

Johannes Bühler, Autor

Die Grenze wird zu einem persönlichen Erlebnis, denn es fühlt sich an, als würde man mit in einem der kleinen Cafés sitzen und ihnen bei einem zuckergeschwängerten Tee zuhören. Als würde man die Erinnerungen an ihre Reise mitzeichnen. Natürlich nur so weit und auf die Art, wie sie es selbst wollen.

„Der EU ist die Kooperation mit aller Art von Despoten recht“

In diesen Tagen schütteln Merkel und andere Politiker kräftig die Hände. Und das mit den Machthabern von Ländern, die der Gunst Europas sonst nicht würdig seien, wie etwa mit dem türkischen Staatspräsidenten Tayip Erdogan. Doch um „diese Flüchtlinge“ abzuhalten, drücke das sonst die Moral-Keule schwingende Europa die Augen zu. Der Tauschhandel „Geld für Abschottung“ mit der Türkei sei jedoch keine neue Methode. Marokko ist seit Jahren ein Musterbeispiel dafür, wie ein ganzes Land von der EU quasi zur Transitzone gemacht wird, erklärt Johannes Bühler.

Die Bedingung: „illegale Migration bekämpfen“

Im Zuge der „Nachbarschaftspolitik“ hat das Königreich Marokko zwischen 2007 und 2013 von der EU Entwicklungshilfegelder im Umfang von 1,4 Milliarden Euro erhalten. Die Bedingung: „illegale Migration bekämpfen“. Aktuell sind Razzien, die Zerstörung von Camps in den Wäldern, wo Menschen, die flüchten, vorübergehend wohnen, oder Deportationen auf einem neuen Höhepunkt, meint Bühler. Dabei gehe das marokkanische Militär nicht zimperlich vor, wie er erzählt.

Der Erhalt des Status Quo

Eigentlich ist keiner wirklich an der Verbesserung der Situation interessiert, meint Johannes Bühler – auch, wenn die politischen Maßnahmen in den EU-Pressemitteilungen nett klingen würden. Doch das Fernhalten jener Menschen scheint das oberste Ziel der EU zu sein. Die Methoden seien vielfältig: Erstens durch die Verlagerung  des „Flüchtglingsproblems“ nach Marokko. Zweitens durch die mangelnde mediale Aufarbeitung des Themas in der EU. Es würde oft an der Oberfläche bleiben, wodurch Angst geschürt und damit suggeriert werde, dass sich Europa wirklich schützen müsste. Und dazu kämen natürlich durch militärische Manöver, meterhohe Zäune, schweres Gerät, Radarkontrollen.

Grenzen werden auch gewaltsam verteidigt

Auch juristisch drehe Europa alle Schrauben, um sich aus der Affäre zu ziehen. Erst vergangenen Samstag hat das zuständige Gericht für die auf dem afrikanischen Kontinent liegende spanische Exklave Ceuta eine Klage gegen 16 Beamte der paramilitärischen Guardia Civil abgelehnt. Diese hatten mit Gummigeschossen und Tränengas Geflüchtete attackiert, die am 6. Februar 2014 zu Hunderten versucht hatten, die Exklave schwimmend zu erreichen. Dabei starben mindestens 15 Menschen im Meer vor Ceuta. Rund 25 Personen werden seither vermisst . Überlebende wollten mit Hilfe von Anwälten ein Verfahren gegen die schießenden Grenzbeamten einleiten, doch Menschen beim Überqueren der Grenze zu töten, bleibt mit jener gerichtlichen Entscheidung offiziell straffrei – es wird als „legitim“ und „notwendig“ bezeichnet. Die Beamten seien dazu „gezwungen gewesen“, so heißt es.

Im langen Interview von m19 erzählt Johannes Bühler, warum seiner Meinung nach der Status Quo vehement verteidigt wird und Geschichten über die Menschen, die er auf seinen Reisen getroffen hat: 

Erstveröffentlichung : http://mephisto976.de/news/die-grenze-zur-eigenen-erfahrung-machen-52330