Paul aus Kamerun

Paul kommt aus dem Norden Kameruns und ist, so, wie viele der Reisenden, Ende 20. Nach Nigerianern, Senegalesen, Ivorien sind Kameruner die am häufigsten vertretene Nationalität derer, die in Marokko zwischenlanden. Er ist absolut kein Abenteurer-Typ in dem Sinne, sondern von recht zartbesaiteter Natur. Als ich ihn kennen lernte war er seit  knapp einen Monat in Marokko. Vor der Nacht seines ersten Versuchs mit dem Schlauchboot nach Spanien zu gelangen, kam er bei uns vorbei. Das war vor über einem Jahr. Vor einem Monat hat er es über Nador nach Spanien mit dem Schlauchboot geschafft.

 Teil 1 „Anfangs wollte ich gar nicht gehen“

Anfangs hatte ich gar nicht die Idee los zu ziehen. Aber ich bin älter geworden, die Idee wurde immer konkreter, ich habe geschaut, was um mich herum passiert, ich werde nicht jünger.

Hier informiere ich mich im Internet, wie es vor Ort ist. Ich lese: sie haben 200 Boko Haram getötet, 300 …. aber sie sind trotzdem immer noch da. Ich hatte Angst. Ich habe ungefähr zwei, drei Monate für die Vorbereitung gebraucht, um mich gut zu organisieren, gut zu überlegen und fundierte Entscheidungen zu treffen.

Ich habe erst mal über das Internet Kontakte geknüpft. Auf Facebook kann man sich mit Leuten connecten, die die Route schon genommen haben. Mit zwei, drei habe ich mich unterhalten und gefragt, was ich machen muss, wenn ich Kamerun verlassen will. Sie haben gesagt: so und so musst du das machen. Erstmal sparst du ungefähr 250.000 Franc CFA oder 300.000 , also so ungefähr 500 Euro, bevor du los fährst.

Ich habe einen Schwager der auch die Route über Marokko genommen hat. Heute ist er in Frankreich. Der hat mir gesagt: Es gibt da einen Mann, der kennt die Route sehr sehr gut. Er ist selber Abenteurer gewesen, hat drei Jahre in Algerien verbracht. Die Leute bezahlen ihn, damit er ihnen die Strecke bis Algerien zeigt. Wenn du willst, gebe ich dir seinen Kontakt. Ich kann ihn dir sehr empfehlen. Und ich habe mir gedacht, das ist eine gute Möglichkeit. Falls irgendwas sein sollte, kann ich mich an ihn halten.

Also hat er mir mein Schwager die Nummer gegeben. Erst haben wir über Whatsapp kommuniziert. Dann haben wir uns irgendwann getroffen. Er meinte zu mir: Pass auf, in eineinhalb Monaten fahre ich los. Bis dahin musste du so und so viel Geld aufgebracht haben. Es kommen noch andere mit. Wenn du es bis dahin geschafft hast, fahren wir zusammen los.

Er war nett, wirklich sehr sehr freundlich. Er hat mir alles erklärt, alle Details. Er hat mich gut auf alle Schwierigkeiten, die vor uns lagen, informiert. Leider konnten wir nicht die Strecke gemeinsam machen. Denn am Tag, als wir los fuhren, hat er in der ersten Stadt in der wir Halt machten einen Anruf erhalten und uns gesagt: Mein Vater ist krank, ich muss zurück, ihr fahrt weiter. Dann hat er uns den ganzen weiteren Weg erklärt und gesagt: wenn ihr irgendwo hängen bleibt, dann ruft mich an.

Teil 2: „Ich bin lieber allein unterwegs“

Nach seinem Aufbruch kommt Paul in Niger an. Dort wird einer seiner Begleiter krank. Also fährt er alleine weiter.

Wenn du Kamerun verlässt, dann lässt du etwas Geld bei der Familie. So können sie dir immer mal ein wenig schicken. Ich habe die Familie angerufen und sie haben mir ein wenig geschickt. Aber ich konnte nicht lange warten. Denn wenn du zu lange an einem Ort bist, dann geht das Geld schnell aus. Du musst was essen, man muss Tickets kaufen, man muss anrufen…. also bin ich alleine weiter gefahren. Klar triffst du während deiner Reise Leute. Es gibt ne Menge, die unterwegs sind – Nigerianer, Senegalesen, Malier. Man trifft sich. Aber ich bin alleine weiter. Wenn ich an einer Grenze angekommen bin, habe ich mich vor Ort informiert bezüglich dessen, was er (der Kontakt, mit dem er die Strecke anfing) mir gesagt hat, habe mich weiter entwickelt. Wenn mir das Geld ausging, bin ich erst mal dort geblieben, wo ich war. Als ich beispielsweise in Niger angekommen bin, habe ich meine Schwester angerufen, die hat mir etwas Geld über Western Union geschickt und damit konnte ich dann weiter fahren.

Ich bin ein sehr aufgeschlossener Mensch. Und das macht mir oft Probleme. Ich vertraue leicht und werde deshalb auch oft enttäuscht. Ich weiß auch nicht wieso das immer so ist. Ich umarme jeden, aber zurück kommt nur….ich weiß auch nicht…am Ende werd ich hintergangen. In Kamerun ist mir das ständig passiert. Mittlerweile glaube ich den Menschen nicht mehr so. Und auf der Reise kannst du dich nicht allzu sehr an jemandem binden.

An der algerischen Grenze haben wir in „Bunker“ gewohnt. Das sind Zelte aus Plastikplanen. In diesen Zelten schläft man dann. Man bezahlt fast 100 Euro für den Guide. In diesen Orten organisiert man dann die Gruppen für den Transit von Algerien nach Marokko. Und da habe ich einen kamerunischen „Bruder“ getroffen und mir ist aufgefallen, dass er aus dem gleichen Dorf, wie ich kommt. Er sagte, er sei alleine unterwegs und will nach Marokko. Da habe ich gesagt: ich habe in Algerien eine Frau kennengelernt, die mich wie ihre große Schwester angenommen hat und mir einen Kontakt zu jemanden in Marokko gegeben hat. Sie meinte, sie mag meine Art und ich habe niemanden in Marokko – er, er wird dir helfen. Ich habe also meinem Freund gesagt: sobald wir da ankommen sagst du ihm, dass du mein Cousin bist. Man muss sich halt helfen. Seither sind wir zusammen unterwegs. Als wir in Marokko angekommen sind, habe ich den Kontakt angerufen und ihm gesagt, ich habe meinen Cousin auf dem Weg getroffen. Er kennt niemanden, ich kann ihn nicht alleine lassen. Der Monsieur meinte daraufhin, ok, ihr bezahlt dann halt 200 (Euro) für die Unterkunft.

Paul Teil 3: „Die schwierigste Grenze, vachment, ist die zwischen Algerien und Marokko“

Auch zwischen Algerien und Marokko wird der Übergang seit der Schließung der Grenze 1994 stetig ausgebaut. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder neue Gründe. Nun beschuldigt Marokko Algerien, dass sowohl Drogen, als auch syrische und sub-saharische Migranten zu einfach auf marokkanisches Territorium gelangen. Deswegen hat Marokko vergangenes Jahr beschlossen einen  100 Kilometer lager Zaun  zu errichten. Wie es Paul trotzdem rüber geschafft hat, erzählt er hier.

25 Kilometer Fußmarsch, verstecken, abwarte, klettern, rennen – ohne Guide nicht zu machen

Wir sind gegen 21 Uhr los gegangen. Wir sind durch die Kälte gelaufen bis zum Morgen. Gegen vier Uhr früh sind wir an der Grenze angekommen. Dann habe wir uns versteckt, um auf die Zeit des Gebets zu warten und runter zusteigen. Da ist ein Graben von ungefähr sieben, acht Metern und wir mussten alle da runter. Auf der anderen Seite muss man dann wieder hoch. Nach dem Graben gibt es noch weitere Barrieren. Aber als wir da angekommen sind, haben uns de Grenzsoldaten kommen hören und Steine nach uns geworfen. Dann haben sie angefangen zu schießen und wir sind weg gerannt wieder in Richtung Algerien. Wir sind also wieder zurück. 25 Kilometer zu Fuß. Die Algerier wollen eine Mauer nach Marokko bauen. Deshalb gibt es dort diesen Graben. Wir waren eine Gruppe von elf Leuten. Und so überqueren wir den Graben: Jeder gibt seinen Mantel. Daraus machen wir dann einen Strick. Dann seilt sich jeder einzeln ab. Und auf der anderen Seite klettern wir wieder einzeln hoch. Das ist nicht so einfach. Dafür gibt es aber die Guides.

Es gibt etwas, was alle respektieren müssen: Wenn wir mit dem Guide unterwegs sind und wir treffen auf die Polizei und die Polizei fragt „Wer von euch ist der Guide“ sagen alle „wir haben keinen. Wir sind alleine unterwegs“ Denn sonst kommt der Guide direkt ins Gefängnis. Man wird ihm Menschenhandel und so was vorwerfen. Deswegen sagen wir „wir haben keinen Guide“. Aber wir wissen natürlich, wer er ist und wir wissen, das ist sein Job, den wir mit jeweils 150 Euro bezahlen.

Der Guide ist auch ein „Abenteurer“, wie wir. Aber mit der Zeit hat er gesehen, wie es läuft. Er ist seit längerer Zeit da. Es gibt Leute, die sind fünf, sechs Jahre dort. Denn sie haben ja Geld. Stell dir vor pro Person 100 Euro. Wenn du also fünf Leute hast, hast du 500 Euro. Das ist eine Menge Geld. (Carlos kam als „Passagier“. Die Passagiere bleiben nicht lange. Sie sind „Kunden“. Der Guide ist nur ein Teil der Kette. Er behält das Geld nicht. Er wird von höherer Stelle für seinen Job bezahlt. Man muss eine bestimmte Zeit vor Ort sein, um bestimmte Positionen zu bekommen. Pro Kommune gibt es neben den Guides jene, die die Passagiere abholen und zum Camp geleiten sowie Administratoren (Sekretäre). Es gibt einen Richter, Premierminister und den Kopf der Kommune, den Chairman. Über allen steht der König, das Oberhaupt aller Chiefs aller Kommunen. Dazu kommt eine ausführende Gewalt, das Militär des Königs. Das nur als kurzer Abriss in die Komplexität. Ein Staat für sich)

Den Tag, als wir es auf die marokkanische Seite geschafft haben, war das ein Festtag für mich! Auch in dieser Nacht haben uns die Polizisten gesehen.Wir haben uns in einem kleinen Tunnel versteckt. Sie haben uns gesehen und gesagt: Kamerad, aufgepasst. Und dann haben sie angefangen Steine nach uns zu werfen. Die Leute hier mögen das irgendwie, Steine zu werfen. Wir sind weg gelaufen und haben uns wieder versteckt. Für fünf Stunden in der Kälte mitten in der Nacht. Niemand hat sich gewagt zu rühren. Irgendwann war die Luft dann rein und wir sind los in Richtung Zaun. Der Guide hat den Zaun durchtrennt. Wir sind drunter durch, es waren auf Frauen dabei, und liefen, liefen, liefen, schnell, schnell, schnell, durch die Büsche. Wir waren elf. Eine Person ist verschwunden. Und ich meine weg, verschwunden. Aber das schon auf algerischer Seite. Denn als uns die Polizei dort gesehen hat sind wir alle abgehauen. Als wir uns dann wieder zusammen gefunden haben, haben wir festgestellt, dass einer fehlt. Ich habe bis heute keine Neuigkeiten von ihm. Viele, die ich an der Grenze getroffen haben, habe ich auch hier in Tanger in Boukhalef wieder gesehen. Aber bei ihm weiß ich nicht, wo er abgeblieben ist.

Am 22.5.2016 erhielt ich eine Nachricht über Facebook. Bozaaa! , schrieb er mir. Seit Freitag, 20.5.2016, ist Paul in Spanien.

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