Mohammed aus dem Senegal

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(Fotos: „On se debrouille“. Aushelfen auf dem Markt, verkaufen auf der Straße und in den Cafés, Taschen tragen.)

Mohammed ist 28 Jahre alt, ältester Sohn der Familie und hat sich, ganz klassisch, auf den Weg gemacht, um Geld zu verdienen. Ein robuster, schlichter, rastloser Typ, der Arbeit über alles im Leben stellt. Als Senegalese braucht er für Marokko kein Einreisevisum. So hat er von Familie und Freunden Geld zusammen gekratzt und ist per Flugzeug gekommen. Als ich ihn vergangenes Jahr traf, war er bereits seit sechs Monaten in Marokko. Für ihn war Marokko die erste Auslandserfahrung. Mittlerweile ist er in Malaga und geht seiner Expertise nach: Dinge an- und wieder verkaufen. Im ersten Teil erzählt er von seinem ersten Eindruck in der Fremde in Marokko und wie sein Alltag aussieht.

Teil 1 Neue Erfahrungen in der Fremde

Ganz ehrlich, als ich hier in Marokko angekommen bin habe ich nicht gedacht, dass es so sein würde. Ich dachte selbst, wenn ich es nicht nach Europa schaffe, dann werde ich auch in Marokko froh. Aber seit ich in Marokko bin habe ich keinen Job gefunden. Den einzigen Job, den ich mache ist, dass ich Dinge kaufe und wieder verkaufe. Zum Beispiel Sonnenbrillen, Parfümes,… Ich kaufe die Sachen in großer Zahl in der Stadt ein und verkaufe sie in den Cafés. In Marokko gibt es überall sehr viele Cafés. Ich kaufe das Produkt für 15 Dirham (ca. 1,50) und verkaufe es wieder für 20, 25 Dirham (2/ 2,50 Euro). Es hängt sehr von dem Käufer beziehungsweise von der Generosität der Person ab. Es kommt vor, dass einem kein guter Preis angeboten wird, aber man muss den annehmen, weil man keine Wahl hat. Weil man zumindest ein wenig verdienen muss, um was zu Essen kaufen zu können.

Am Ende des Tages hat man vielleicht 50, 60 Dirham (5/6 Euro). Da kann man nicht wirklich etwas beiseite legen oder der Familie schicken. Damit kann ich nur mich selber finanzieren und vielleicht Guthaben kaufen, um ab und an mal nach Hause zu telefonieren und zu fragen, wie´s den Eltern und den anderen geht. Wenn ich mit dem Verkauf fertig bin, dann kaufe ich Handys und verkaufe sie wieder. Wenn ich dann damit 50 Dirham verdiene, dann lege ich die beiseite.

Wir leben hier in Kommunen. Elf, zwölf Personen in einem Zimmer. Wenn am Abend alle nach Hause kommen, gibt jeder 10 Dirham und damit wird dann das Essen zubereitet. Der, der es zubereitet, für den ist es kostenlos. Denn er kocht ja und wäscht ab.

Ich wohne in Boukhalef. Das ist ein Viertel, wo sehr viele Migranten leben, unter ihnen Nigerianer, Senegalesen, Kameruner,… es gibt eine große Vielfalt, man findet hier ganz Afrika. Denn dort ist es sehr einladend. Du bezahlst keine Miete, kein Wasser, kein Strom. Das ist schon mal sehr vorteilhaft. Denn wenn du keine Arbeit findest und kein Geld hast, profitierst du natürlich davon. Ich weiß, dass das nicht normal ist. Aber was soll ich denn machen, wenn mich die Situation dazu nötigt? Soll ich auf der Straße oder im Müll schlafen?

Wenn du hier ankommst triffst du Freunde oder Leute, die du sogar noch von daheim kennst. Es sind diese Leute, die dich einführen, dir alles erklären, wie es hier läuft, wie man sich anpassen kann, wie man hier leben kann. Ich bin gekommen, man hat mir alles erklärt und ich habe mich angepasst.

Teil 2 „Marokkaner sind nicht besonders freundlich zu Schwarzen“

Passend zur neuen Einstufung Marokkos als „sicheres Herkunftsland“ zeigen Mohammeds Erfahrung, wie unsicher es hier für Migranten ist. Jeder, den ich hier kennengelernt habe, fand sich in jenen Situationen oder sogar schlimmeren wieder. Gerade im vergangenen Jahr wurde es anstrengend für die Menschen. Wie sehr erzähle ich im Korrespondentengespräch mit detektor.fm, siehe Link am Ende des Beitrages. Die Situation hat sich seither nicht geändert.

Es gibt hier in Marokko jegliche Form von Drangsalierung. Wenn dich die Polizei erwischt, dann reden sie gar nicht mit dir. Sie respektieren dich nicht. Die erste Reaktion ist: sie schlagen. Es gibt hier Leute, die gebrochene Arme haben, gebrochene Beine, nen kaputten Schädel. Es gibt sogar Leute, die hier sterben. Und die Leute wissen es nicht mal. Man bricht ihnen irgendwas oder man begräbt sie unter der Erde. Das ist dann das Ende. Ihre Eltern rufen an….keine hat die leiseste Ahnung.“

Die marokkanischen Autoritäten sollten eines verstehen: Wir sind hier wirklich schon sehr engagiert. Und ein Mensch hat das Recht dort hin zu gehen, wohin er will. Selbst wenn er Klandestiner ist sollte sein Wesen respektiert werden. Selbst, wenn du ihn von etwas abhalten willst, solltest du es zumindest auf respektvolle Weise tun und zufolge der Menschenrechte.

Selbst wenn Marokko den Menschen regularisiert – das ist nur ein Papier. (Marokko hat 2014 eine Regularisierungs-Aktion gestartet. 16 000 Sub-Sahara Afrikaner erhielten Papiere) Es ist nichts Konkretes. Du kannst Papiere haben, regularisiert sein – aber die Marokkaner wollen nicht mit uns arbeiten. Du kannst ja mal eine kleine Statistik machen. Wie viele Cafés gibt es in Marokko? Du wirst niemals einen Senegalese, Kongolesen oder Ivorer sehen, der dort zwei Jahre oder länger arbeitet. Und selbst wenn du einen siehst: das ist immer nur auf Zeit. Zwei, drei Monate. Danach schmeißen sie ihn raus. Marokko ist kein gastfreundliches Land. Wenn Marokko gastfreundlicher wäre, wenn wir hier Arbeit finden würden, man uns respektieren würde, dann müssten wir nicht unser Leben auf dem Meer riskieren.

Es gab Leute, die wurden von der marokkanischen Marine ins Wasser geschubst (im Boot sitzend wurde das Boot umgedreht). Wenn sie kommen, kommen sie feindselig. Sie sagen: ihr seid bescheuert, warum versucht ihr es über´s Wasser und nervt uns. Und dabei fahren sie um das Boot (Zodiak) drum herum. Und ein Zodiak ist sehr instabil. Wenn sie also um das Zodiak mit ihrem Motorboot kreiseln, dann riskieren sie, dass es umkippt. Du musst dir das mal überlegen: ein Mensch, der von vier bis sechs Uhr früh unterwegs ist, paddelt, das ist harte Arbeit. Wenn du ihn erwischst, dann wäre doch das erste, was du tust, zu assistieren. Aber sie beleidigen, destabilisieren, traumatisieren. Es gibt Leute, die kommen von ihrem Kampf zurück (oft ist es wirklich ein handgreiflicher Kampf besonders, wenn die Menschen vor dem Wasser vom Militär aufgegriffen werden) und sind aufgebracht, sie schlafen nicht, sie reden, haben Alpträume….das kommt von dem, was man da erlebt. Die Marokkaner sind nicht wirklich freundlich mit schwarzen Menschen.

Wenn du die spanische Marine oder das rote Kreuz anrufst, dann kommen sie dich holen (wenn man auf spanischer Seite des Gewässers ist). Aber die Marokkaner sprinten, um dich aufzugreifen. Um Geld mit dir zu verdienen. Die marokkanischen Polizisten motivieren sogar absichtlich Migranten dazu, mit ihren Zodiaks aufzubrechen. Aber sie motivieren sie nicht, weil sie die Strecke frei geben. Sondern, damit sie sie fangen können, denn sie bereichern sich an dem Material (auch Telefone, Geld, was an den Menschen eben zu finden ist). Wenn sie die Zodiaks, die Paddel, die Schwimmwesten einbehalten, dann geben sie das nicht der Polizei, sondern verkaufen es wieder an Migranten. Und so machen sie Geld. So funktioniert das System.

 

Marokko | Gewalt gegen Anerkennung?

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