„In der Stadt verliere ich das Ziel aus den Augen“ – Leben im Wald vor den Toren Europas

Vor den Exklaven Ceuta und Melilla errichten sich die Menschen Camps. Ein paar Kilometer entfernt von den Zäune. In nächster Nähe Europas. Nach einigen Monaten in der Stadt lernten meine Freundin Lisa, unsere Bekannte Maria und ich zwei Menschen im „Migrantenviertel“ Boukhalef kennen, die in den Wäldern gelebt hatten bevor sie in die Stadt kamen. Sie nahmen uns mit. Vor genau einem Jahr waren wir zum ersten Mal im „petit foret“.

Von Tanger nach Fnidek – romantisches Paradox

Tanger, Zentraler Busbahnhof 8.30. Noch einen Kaffee, einen Tee. Wir haben Zeit. Wir kaufen ein paar Brote und Wasserflaschen. Das ist gar nicht so einfach. Denn in Marokko ist alles, was vor 12 Uhr Mittags ist, noch nicht zwangsläufig Geschäftszeit. Außerdem kaufen wir Zigaretten und Instantkaffee. Die Zigaretten sind nicht für uns. Wie im Krieg sind sie so etwas wie ein Zahlungsmittel. Für alle Fälle kaufen wir drei Packungen. Der Kaffee ist hauptsächlich für uns. Ist mir völlig egal, wo ich bin – Kaffee am Morgen muss sein. Auch im Wald.

Wir sitzen fast alleine im Bus. Maria, Lisa ich und unsere beiden Jeans. Den einen kennen wir von der Organisation, mit der wir zusammenarbeiten – Visa sans Frontiere. Den anderen haben wir in Boukhalef, einem Migrantenviertel Tangers kennengelernt. Er lebt seit einigen Monaten in der Stadt und ist gerade dabei seine Überfahrt zu planen. Vorher hat er knapp ein Jahr in den Wäldern gelebt. Er kennt sich aus. Und er kennt den Chef der Kommune des „petit forets“, des kleinen Waldes, zu dem wir nun fahren. In den Wäldern scheint alles provisorisch. Doch es herrscht eine extreme Ordnung und Organisation. Nicht nur was die Hierarchien angeht. Sondern auch, wenn es um Arbeitsteilung geht. Jean beispielsweise war „Ausspäher“. Jene Leute, die die Lage und die Positionen der Polizei checken. Und die Chancen für eine erfolgreiche Attacke beobachten. Bei einer Attacke ist er auch einer derjenigen gewesen, der die Leute koordiniert hat. Im Laufe der Nacht liefen die Menschen in Grüppchen in Richtung Zaun. Er sei einer derjenigen gewesen, die die Gruppen zu den einzelnen Plätzen geleitet haben. „Dort haben sie dann noch einmal ein paar Stunden gewartet. Bis der Ruf zum Angriff kam. Dieser ist taktisch gewählt. Zum Beispiel während des Fünf-Uhr-Gebets. Oder einmal, während der Fußballweltmeisterschaft zur Zeit des Halbfinales.“

Wir fahren die Küste Marokkos entlang. Immer abwechselnd zeigt einer der Jeans zwischendurch in Richtung Wasser. Dort ist ein Polo. Dort ein weiterer – Ablegestellen für die Boote.

Nach knapp einer Stunde hält der Bus mitten an der Straße. Wir, unsere Jeans und alle anderen Sub-Sahara Afrikaner steigen aus. Von hier aus geht es zu den Camps. Zehn Kilometer Fußmarsch. Von der Straße aus entern wir den Busch. Es bedarf keiner Anführungszeichen. Denn das ist wirklich ein Busch. Ich packe mich hin. Ein Stock reißt mir Haut von meiner Handinnenseite ab. Super Anfang. Unsere beiden Begleiter bemühen sich uns sicher durch das Geäst zu führen. Fiese Lianen mit fiesen kleinen Dornen tauchen aus dem Nichts aus. Fies fies fies. Steile Hänge, trockenes Geäst, an dem man sich nicht einmal festhalten kann. Aber wahnsinnig romantisch.

Eine Stunde, einen blutverschmierten Pulli und ein geschwollenes Bein später kommen wir zurück zur großen Straße. Mir kommt diese Straße wahnsinnig bekannt vor. Jean grinst und meint „Ich wollte euch mal jene Erfahrung bereiten, wie es ist, wenn man durch den Wald zum Wasser laufen muss.“ Super. Ein kleiner Spaß am Rande. Unvorstellbar, wie die das im Dunklen hinbekommen.

Weiter geht’s die vierspurige Straße entlang. Immer in Richtung Spanien, Ceuta. In regelmäßigen Abständen kommen wir an Grüppchen von Afrikanern vorbei. Ein Auto hält an, die Frau auf dem Beifahrersitz gibt Brot aus dem Fenster. „Die Jacke, die ich an habe ist auch eine Spende. Wir stehen hier und hoffen, dass jemand etwas gibt. Im Gegensatz zu den Marokkanern kommen die Spanier öfter und sind großzügiger.“ sagt Ahmmed. Seine Jacke ist ein altes Model eines beigen Frauenmantels mit Fell in der Kapuze. Richtig zu krieg er die Knöpfe nicht. Aber er trägt den Mantel mit Swag. Hier oben auf den Bergen ist der Wind gnadenlos. Ich hätte in jenem Moment auch gern mehr als nur meinen Kapuzenpulli an.

Hier machen wir eine Pause. Die erste Gelegenheit unsere Zoll-Zigaretten einzusetzen. Ahmmed erzählt, er sei schon in Frankreich gewesen. Hat sich gut durchgeschlagen. Mit Mini- und Tagesjobs. Doch nach den Anschlägen in Toulouse gab es verstärkt Kontrollen. Sie haben ihn geschnappt und deportiert. Von Berlin habe er schon viel gehört. Über facebook tausche man sich aus. Er habe viele Freunde dort. Zuhause in Kamerun ist er Metallarbeiter gewesen.

Weiter geht’s. Die Bergkuppen sind romantisch mit Wolken dekoriert. Die Vegetation ist nicht wesentlich anders, als auf der spanischen Seite. Etwas Regenwald, etwas andalusische Felsgesteinlandschaft. Das bisschen Wasser kann nicht überspülen, dass unter unseren Füßen DSC_0029immer noch die europäische Kontinentalplatte ist. Auch, wenn wir uns geographisch gesehen auf dem afrikanischen Kontinent befinden. Noch verwirrender ist es im Falle Ceutas, der spanischen Enklave in deren Richtung wir kontinuierlich laufen. Geologisch ist sie europäisch. Geographisch afrikanisch. Politisch wiederum europäisch. Wir laufen in Kurven. Bergauf, bergab. Immer wieder grüßen wir Gruppen von Sub-Sahara Afrikanern, die am Straßenrand verweilen. Am Horizont blitzt Ceuta auf. IMG_0301Eine von Bergen umringte Stadt am Meer. Wie ein Mini-Rio. Und da sind sie – die Zäune. Wahrhaftig. Nur ein paar Meter von Wohnhäusern entfernt. Von der Spitze der Moschee könnte man über den Zaun hüpfen. Auf einer Anhöhe sehen wir einige Männer stehen. Ausspäher. So, wie Jean einer war. Wir entscheiden uns für eine weitere Pause und gehen auf den „Aussichtspunkt“. Wenn es nicht so ernst wäre, wäre dies ein sehr schöner Picknickort. Es ist ein seltsames Gefühl – wir sitzen hier zu fünft und schauen in Richtung Spanien. Wir drei Mädels, meine Freundin Lisa, unsere Bekannte Maria und ich, fahren am Tag darauf hinüber, da das unser Reiseplan so sagt. Die anderen beiden versuchen es seit fast drei Jahren.

Nach einem kleinen Snack geht es weiter. Am Wegesrand treffen wir auf „Papa Africa“. Woher er kommt, will er nicht sagen. Es tut nichts zur Sache. Er hat geschwollene Hände. Überall alter Verband. Dreckige Bandagen. Knapp unter seiner Pulsader hat der Zaun seine Arbeit verrichtet. Alles auf geritzt. Eigentlich sind Nato-Drähte illegal. Eben genau aus diesem Grund. Wie zweiseitige Rasierklingen stehen sie vom Metalldraht ab. Die Chance, damit etwas lebensnotwendiges kaputt zu machen ist sehr hoch. Papa Africa öffnet seine Jacke. Das T-Shirt darunter sieht aus, als hätte ihn ein Tiger mit seinen Krallen von oben nach aufgeschlitzt. Wir geben ihm ein paar Kompressen und Desinfektionsmittel. Jean, der Ex-Fußballer, steckt ihm 20 Dirham zu. Er zeigt seine eigenen Narben. Als Beweis dafür, dass er einer von ihnen ist. Dann gibt er noch seine Nummer. So läuft das innerhalb der Kommune – es gibt die, die geben und die, die nehmen. Das klärt eine eindeutige Hierarchie.

In regelmäßigen Abständen fragen wir vorbeilaufende Afrikaner, ob sich das Camp noch dort befindet, wo es mal war. Denn man kann sich nie ganz sicher sein. Regelmäßige Razzien von Polizei und Militär zerstören die Infrastruktur. Es ist ein Katz- und Mausspiel. Noch weit vor unserem Ziel erklärte Jean „Hier war mal ein richtiges Dorf. Mit Musik und Sport und allem drum und dran.“ Zwei Jahre existierte das Camp. Dann kam die Polizei. In den großen Wald geht nur das Militär. Die Strukturen dort sind so straff, dass sich die Polizei nie hinein wagen würde. Welche Strukturen das sind, werde ich die kommende Woche herausfinden. Jeder Wald, sei es vor Ceuta in Cassiago, oder vor Melilla in der Nähe von Nardor, hat mehrere Camps in unterschiedlichsten Größen. Und jedes Camp hat seine eigene Organisation.

Dort, wo wir hin fahren ist der kleine Wald bei Cassiago. Das sei jener für die etwas Freiheit liebenden. So hat man uns gesagt. Die Anzahl der Menschen ist geringer, die Hierarchien zwar eindeutig aber fluktuide. Es ist etwas demokratischer. Auch hier wird nach Nationalität sortiert. Trotz allem gibt es innerhalb der Kommune eine weit aus größere Vermischung im Alltag, als im großen Wald. Weniger Regeln, mehr Freiheit, kurzum – es ist der Wald der jungen Männer. Keine einzige Frau haben wir hier gesehen. Im Durchschnitt sind es sowieso junge Männer zwischen 20 und 40, die hier ihr Glück versuchen. Wenn überhaupt, dann sind die Frauen im großen Wald oder in den Städten, wie Tanger.

Könige, Regierung, Mediziner

Die Kommune ist durchmischt. Doch die meisten sind aus Kamerun. Die charakterliche und intellektuelle Spannbreite der Zusammensetzung an Menschen ist dabei enorm. Vom Politikwissenschaftler bis zum Kriminellen ist alles dabei. Vom Abenteurer bis hin zum so genannten „Kriegs- und Armustmigrant“. Das Ziel eint. Die Motive sind unterschiedlich. Einen Satz wiederholen sie jedoch alle: Sie wollen ein besseres Leben. Der erste Satz, wenn sie gefragt werden ist: Sie suchen eine bessere wirtschaftliche Perspektive, um die Familie zu unterstützen. Nach langem Reden kommen bei einigen jedoch auch andere Ziele dazu. Ziele,  die ihnen von Europäern oft als nicht „ausreichend“ suggeriert werden. Ziele, wie eine gute Ausbildung und Futter für´s Gehirn. Oder zu gucken, wie das mit der so viel betitelten Freiheit in Europa ist. Oder, um schlicht und ergreifend einen Pass zu haben. Und damit zumindest die Chance genauso frei wie die Europäer überall hin zu können.

Vordergründig nicht zu erkennen gibt es ein richtiges Gouvernement: den Präsidenten, den Premierminister, den General und noch weitere Positionen. Dass es im Hintergrund noch andere Mitglieder der Gruppe gibt, die die Fäden inoffiziell in der Hand haben, ist intern jedem klar. So, wie bei einer richtigen Staatsregierung eben. Jene sind es auch, die den Präsidenten einsetzen. Die, die schon mal in Europa waren, sind die stillen Könige.

Der mit der größten Erfahrung hat das meiste Sagen. Denn man muss viel wissen, um hier leben zu können. Die Anwohner der nahe gelegenen Kleinstadt Cassiago kennen ihre Nachbarn aus dem Wald. Zum Geld verdienen, einkaufen oder um ins Internetcafé zu gehen, gehen die Waldbewohner in die Stadt. Oft streift auch ein Hirte durch das Unterholz und an ihren Zelten vorbei. Auch die Polizei kennt das Camp. Einige Marokkaner unterstützen mit Wasser- oder Essensspenden. Andere denunzieren. Wer sich mit den Menschen und Gegebenheiten auskennt, kann präventiv einschreiten, Alarm schlagen, Strategien anwenden, schlichten oder auch verhandeln. Wer also die größte Kompetenz hat, die Gruppe durch sein Wissen zu beschützen, hat auch ihre Legitimation. Nicht nur was den Alltag angeht zählt Erfahrung als Ansehenswährung. Vor allem geht es um die Erfahrung mit dem Zaun. Mit der Force Auxilière. Der Guardia Civil. Um das Wissen, wann welcher Grenzpolizist welche Schicht wo hat. Welche Gruppengröße am effektivsten ist, um einen Versuch zu starten. Worauf man achten muss. Welche Wege es gibt. Wo Lücken sind. Wie man dort hin kommt. Vor allem geht es darum zu wissen, wie man so wenig wie möglich Blessuren davon trägt. Denn eine medizinische Versorgung ist schwer zu organisieren. Das Rote Kreuz war mal da. Vor sehr langer Zeit. Ansonsten geht es nur mit Spenden an der Straße oder Hilfsorganisationen, die immer mal vorbei kommen. Die Zaunerstürmung, der Alltag im Wald ist, wie alles Neue im Leben, ein Lehrgang. Und so gibt es die Meister und die Lehrlinge.

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Salbe und ein Bitte an die Spirits. Das muss helfen.
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Lisa beißt die Zähne zusammen. Brennende Kräuter und heilende Hände für ein entzündetes Bein.

In Rabat und Tanger gibt es zwar auch Krankenhäuser, die Migranten behandeln. Doch zum einen haben die meisten kein Vertrauen darin, dass sie nicht denunziert werden, wenn sie sich an eine offizielle Institution wenden. Zum anderen hat es ganz praktische Gründe: der Transport und die Medikamente kosten Geld.  Für die medizinische Versorgung gibt es daher entsprechende Experten innerhalb der Gruppe – wir würden sie in unserer beschränkten Begrifflichkeit „Medizinmänner“ nennen. Das klingt aber zu eingestaubt. Denn Spiritualität ist in vielen afrikanischen Gesellschaften etwas sehr Aktuelles, sehr Lebensnahes. Bei unseren Begriffen wird man mental sofort ins Mittelalter katapultiert. Auch das ist Ausdruck unserer Perspektive: archaisch, urig, irgendwie naturalistisch romantisch. Auf jeden Fall traditionell, irre naturverbunden, da „noch nicht von der Moderne korrumpiert“. Diese Betrachtungsweise ist jedoch unsere. Die auf unseren Kategorien basiert. Was für uns zu einem bestimmten Kontext gehört (Hexen, Medizinmänner, Spirits = alte, traditionell, naturalistisch, Naturvolk)  wird in vielen afrikanische  Lebensrealitäten gar nicht so miteinander verbunden. Das eine schließt das andere nicht aus. Das heißt, es gibt keine evolutionistische Zuordnung nach dem Motto „wer an Hexen glaubt, muss alt und ungebildet sein, vom Land kommen und hat keinen Schimmer, was Itunes sind.“ Spirits und modernes Leben gehen Hand in Hand. Lisa durfte ganz direkt und sehr lebensnah in den „Genuss“ einer Prozedur zur Behandlung ihres seit Beginn des Marsches schmerzenden Oberschenkels kommen. Am Folgemorgen unseres Aufenthalts wurde sie vom Wald-Doktor, der gleichzeitig regelmäßig die Aufgabe des Kochs übernimmt, behandelt. Sie versuchte wirklich stark zu bleiben. Ich glaube ja, dass die Massage und die heißen Kräuter eher weh taten. Also nach ihrem Gesichtsausdruck zu urteilen. Aber bei der Medizin ist das wie bei der Schönheit: wenn´s helfen soll, muss es bitter schmecken und schmerzen.

Auch für uns gilt, als wir in Fnidek ankommen – erst einmal müssen wir uns beim „Gouvernement“, dem Oberhaupt und seinem Gefolge, vorstellen. Wir warten am Straßenrand. Dann sehen wir von weitem eine Gruppe aus Richtung Berge anrücken. Wieder tun die Zigaretten das ihrige und wir geben eine Runde aus. Ein Türöffner. Lächeln auf den Lippen. Nicht nur wegen der Zigaretten. Es wird wohl eine Zeit lang her sein, dass sie drei Frauen empfangen haben. Und dann auch noch Europäerinnen! Wir stellen uns also vor. Dann gehen wir mit ihnen etwas in Richtung Wald, einfach von der Straße weg. Immer ist die Angst der Beobachtung dabei. Auf einem Steinrondel knapp neben einem Baum eröffnet der „Präsident“ die Runde. Wer wir seien und was wir wollten, wollen sie wissen. Sie kennen die Europäer. Manche Journalisten, so glauben sie, werden auch von der marokkanischen Seite geschickt, um interne Informationen aus dem Wald zu bekommen, die wiederum gegen sie und bei Razzien eingesetzt werden können. Es herrscht allgemeines Misstrauen. Noch eine Frage sollen wir beantworten „Was haltet ihr von Schwarzen?“. Unsere Antwort ist offensichtlich zufriedenstellend – es sind Menschen. Es wird philosophisch. Ab dem Moment an ist ihnen wohl nicht nur die Tatsache, dass wir Frauen sind, eine angenehme. Sondern auch, dass sie mit uns reden können. Wir wollen sie kennen lernen.  Nichts austeilen oder zu hören bekommen, was sie denken, das sie sagen müssen. Wir wollen keine O-Töne. Wir philosophieren über „Kategorien“, „Verallgemeinerung“ und „eigene Tendenzen zur Generalisierung“. Das Erfüllen von bestimmten Rollen. „Die armen/archaischen/starken/faulen/ Schwarzen“ und die „generösen/bösen/allwissenden Weißen“. Je nachdem, wie´s passt. Sie beschließen: Wir dürfen bleiben.

Erst einmal haben wir nach zwölf Kilometern Fußmarsch Hunger. Wir gehen etwas essen. Währenddessen telefoniert Jean mit unseren Gastgebern. Nach dem Hauptgericht heißt es, wir müssten uns etwas Zeit lassen. Die Polizei wäre in der Nähe. Wir müssten einen guten Zeitpunkt abfassen, um ins Camp zu laufen. Die Gefahr, dass wir Weißen eine Fährte zu ihnen legen, ist immer da und das Gegenteil von dem, was wir wollen. Da ich mittlerweile überall Spione sehe, kann ich fast nicht mehr unterscheiden, ob es nur ein komischer alter Mann ist, der am Baum steht oder er dafür angesetzt ist, die Gesamtsituation zu beobachten. Und so warten wir noch eine Weile. Im Café läuft eine Dokumentation über Pygmäen in Kamerun. Sehr romantisch. Und die Gäste verfolgen aufmerksam die nackten Afrikaner, die um´s Feuer tanzen. Unseren kamerunischen Begleitern wiederum wird der Platz verwehrt. Kinder werfen mit Steinen nach uns. Paradox.

Zuhause im Wald – Zwischen „Wohnzimmer“ und „Fünf-Sterne-Hotel“

IMG_0350Wir werden an der gleichen Gabelung am Baum empfangen, an der wir angekommen sind. Und dann geht es in die Büsche. Dort,wo zur Regenzeit sonst immer der Fluss das Becken umspült, laufen nun wir entlang. Überall liegt der Müll des Umlands. Nach zehn Minuten Fußmarsch sehen wir die ersten Zelte auf Anhöhen und Verschlägen. Hier eine Hütte. Dort eine. In jedem Zelt schlafen mindestens zwei Menschen. Bei der Höhle ist das „Wohnzimmer“ – der Gemeinschaftsplatz. Auch in der Höhle schlafen sie. Es sind vor allem die Neuankömmlinge, die noch keine Zeit hatten, sich ein Zelt zusammen zu klöppeln. Also jene, die in der Rangordnung ganz unten stehen, da sie erst seit kurzem da sind. An den Steinwänden kleben Kerzen, damit wenigstens ein bisschen zu sehen ist. Denn der Schlund ist sehr lang. Mindestens 20 Meter geht es hinein. Da es sehr dunkel ist, erkenne ich nur hier und dort eine Matratze. Ich habe Angst irgendwo drauf zutreten. Brice, der mir die Höhle zeigt sagt, sie würden jeden Morgen ihre Sachen beiseite packen. Sie räumen auf. Ich müsse mir also keine Sorgen machen. Die Matratzen haben sie vom Müll. Einmal war das Rote Kreuz da und hat Schlafsäcke vorbei gebracht. Aber das sei schon sehr lange her.

An der Höhle versammelt man sich. Dort wird gekocht und der Abend miteinander verbracht. Dort werden auch wir noch einmal offiziell empfangen. Drei Frauen. Das hatten sie hier lange nicht. Und es wird sich regelmäßig dafür entschuldigt, dass sie nicht vorbereitet gewesen wären. Ich frage mich, was sie vorbereiIMG_0349tet hätten.

Kervin kocht – Spaghetti mit Tomatensoße. Seit vier Uhr nachmittags sitzt er da und schnippelt. Er lasse sich gerne Zeit, sagt er. Er war mal Profi-Boxer. Und genauso sieht er aus. Auf seinem Facebook-Profil posiert er mit chinesischen Boxschülern. Als wir ankommen guckt er grimmig. Ihn habe niemand gefragt. Aber nach einer Weile mit Lisa am Feuer entspannt sich sein Gesicht. Am Ende wird er uns stolzseine Spaghetti vorsetzen und mit einem Schluck Cola-Vodka runter spülen.

Meistens kocht Kervin das Abendbrot. Wer kochen soll, wird ausgewürfelt. Manchmal klappt es auch ohne System. Es kommt darauf an, was der Tag gebracht hat. Wer keine 10 Dirham, ungefähr ein Euro, für die Gemeinschaftskasse aufbringen kann, der geht das Feuerholz holen. Der Koch bezahlt, indem er zubereitet. Jeder steuert bei, was er in dem Moment gerade kann.

Bei wohl allen männlichen Wesen im besten Mannesalter wird die Kunst der Diplomatie nicht wirklich als Verhandlungsmethode in Betracht gezogen. Egal, um was es geht – Essensausgabe, Kartenspielregeln, Musik – es ist immer erst mal ein kleiner Kampf nötig. Der Chef ist zarte 21 und ist schon vier Jahre hier. In seiner Heimat in Kamerun hat er Schweißer gelernt. Doch da seine Ausbildung nicht so gut war, wie er es sich erträumt hat, ist er aufgebrochen, um nach Deutschland zu gehen. Nach Stuttgart. Deutschland sei bekannt für seine Stahlindustrie, sagt er. Er ist der älteste von drei Kindern. Noch zwei kleinere Schwestern habe er. Sein Gesicht ist kindlich. Seine Statur zwar gestählt, doch klein und zierlich. Seine Art hat jedoch tatsächlich etwas Erhabenes. Er hat sogar seine eigene Garde. Jene Entourage, die mit dabei war, um uns auszufragen, bevor wir die Erlaubnis bekommen haben, ins Camp mitzukommen.

Viele haben Bekannte oder Familie in Europa. Während das Essen auf dem Feuer gart, erzählt Pasto vom Wedding. Er hat heute wieder mit seinem Bruder telefoniert. Außerdem hätte er etwas davon gehört, dass ein Verteilungsschlüsel für Migranten geplant sei. Und, dass Deutschland verhältnismäßig viele aufnimmt. Und so gelangt die europäische Migrationspolitik bis in den Wald von Fnidek vor Ceuta. Viele sagen: das mit den Anschlägen und die ganzen Araber, die nun als Migranten nach Europa kommen, macht ihre Lage nicht einfacher. Wegen ihnen wird es auch für sie schwieriger. Gesetzte und Kontrollen werden schärfer. In Kombination mit ihren Erfahrungen in Algerien und Marokko sinkt die Sympatie für arabische Menschen stetig. „In Europa sind sie auch nur Migranten. Da sind sie dann kleinlaut. Aber hier spielen sie sich uns gegenüber auf….“. Allgemeines zustimmendes Grummeln in der Runde. „Was heißt denn „bitte“ auf deutsch…?“ Blöd, dass die Großeltern nicht da sind. Oder man in der Schule doch nicht das Fach „Deutsch“ gewählt hat. Die kolonialen Spuren hätte man ja wenigstens zum eigenen Vorteil nutzen können.

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„Unser“ Bunker.

Um uns herum verschwinden die Bunker, die „Fünf-Stern-Hotels“, wie sie die Zelte augenzwinkernd nennen,  an den Hängen. Das Feuer wird sichtbarer, weil alles um uns herum dunkel wird. Kervin konzentriert sich auf die Soße, „Baba“ schaut mit einem Lächeln in die Runde und … stimmt ein Lied an. Besucher sind eine willkommende Abwechslung. Passenderweise, das ist bestimmt nicht zufällig gewählt singen sie „Ouvrez les frontières“ (Öffnet die Grenzen) von Thiken Jah Fakoly. Unsere direkten Sitznachbarn guckt verdutzt, als Lisa und ich mitsingen. Als wir das Kartenspiel und die Würfel, die Lisa mitgebracht hat auspacken, jolt der Berg. Den Vodka mussten sie sich selber kaufen. Aber Gesellschaftsspiele, dachten wir, sind allgemein förderlich für das

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Gemüt. Und das ist auch notwendig, wie wir immer mal wieder feststellen müssen. Die soziale Aura der Weiblichkeit fehlt hier des öfteren. Gerade, wenn es um Konfliktlösung geht. Auch, wenn es eine strikte Hierarchie gibt – beim der Verteilung von Essen sind die Gemüter erhitzt. Auch hier geht es nach Stand, jeweiligem Beitrag zum Essen und vor allem Freundschaftsgrad. Gäste müssen nichts befürchten. Ganz im Gegenteil. Wir werden zum Eingang der Höhle zitiert. Auch, wenn wir schon vorher gegessen haben, haben wir keine andere Wahl – mit leuchtenden Augen streckt Kervin uns das Mahl entgegen. Und ich muss sagen – es schmeckt tatsächlich hervorragend! Kervin und der Rest freut sich, dass es uns schmeckt. Es wird von Gesang zu Handylautsprecher gewechselt. Nun klingt ivorischer und nigerianischer Afropop über die Hänge. Ich tanze etwas mit. Was soll ich tun…ich kann nichts dafür. Der Effekt ist wie erwartend positiv. Da es ein Hang ist, ist die Koordinierung allgemein schwierig. Aber der bloße Fakt, dass ich stehe und etwas rhythmisch wippe reicht. Lisa diskutiert am Feuer mit Aiman.

Auf einmal kommt eine Gruppe mit einem um sich schlagenden, mannsgroßen Vogel: ein Geier. Sie zerren ihn zum Feuer, um besser zu sehen. Einer aus der Gruppe nimmt einen Ast groß wie ein Stamm und hämmert auf den Vogel ein. Ein zähes Vieh. Aufregung, Gelächter. Jeder weiß am besten, wie man das Tier zur stre

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Frühstück. Beignets. Schmecken wie Pfandkuchen (außerhalb Berlins heißen die Berliner) oder eben „Kameruner“. Frittiertes Hefeteiggebäck. Wahlweise süß, aber auch gern zu herzhaften Soßen serviert.

cke bringt. Das ist wie Fernsehen. Das Essen ist vergessen. Der Gesang abgebrochen. „Was wollt ihr denn damit? Wir hätten doch auch ein Huhn kaufen können.! Meint Boumsang. „Na essen!“, sagen die anderen. „Diese Dinger essen tote Tiere. Das sind Aasfresser. Also ich jedenfalls esse das nicht“ stellt Frank klar und wendet sich wieder seinen Kartoffeln zu.

Am nächsten Tag beim Frühstück erzählt mir Lisa, Aiman habe Politikwissenschaften in Kamerun studiert. Studenten unter Studenten. Die eine aus Deutschland. Der andere aus Kamerun. Die eine kann gar nicht anders als zu reisen, um ihren Lebenslauf so aufzupolieren, damit sie überhaupt eine Chance auf einen Job bekommt. Der andere sitzt im Wald und schläft in Zelten aus Plastikplanen, (zweifelsohne kunstvoll) zusammengeschusterten Holzstangen mit Wolldeckendämmung ein paar Kilometer von jener Grenze entfernt, die ihn hermetisch von dem fern hält, was die andere selbstverständlicher weise darf – mobil sein.

Der Film „Les Sauteurs“ zeigt die Perspektive derer, die im Wald leben. Dies ist das Camp vor Melilla, auf dem Berg Gurugu, acht Busstunden entfernt von Ceuta. Gefilmt von Abou Bakar Sidibé, einem Malier, der, bevor er die Kamera in die Hand bekam, 14 Monate dort wohnte.

Ein Jahr später. Nach weiteren Aufenthalte und dem Begleiten jener, die ich nun seit einem Jahr kenne. Hier nun die harten Fakten, die schon damals offensichtlich waren, aber heute besser einzuordnen gehen. Und die Zwischentöne, von denen ich keine Fotos machen kann.

Verluste gehören dazu

Alle tragen die Spuren ihrer längeren und jüngeren Vergangenheit am Körper. Sie alle haben Narben. Einige davon hatten sie schon vorher. Dies hier ist ja nur die letzte Etappe ihrer Odysee. Doch spätestens bei den Versuchen über den Zaun nach Ceuta zu gelangen blieben die Blessuren nicht aus. Sie alle haben es schon mehrfach versucht über die Zäune zu kommen. Nach Amnesty International braucht es durchschnittlich 60. Seit 2005 schirmen Ceuta acht Kilometer, Melilla zwölf Kilometer sechs bis sieben Meter hohe Doppelstahlzäune, Nato-Stacheldraht auf der Oberkante, Wachttürme, Scheinwerfer, Bewegungsmelder, Stolperdrähte und Infrarotkameras.

Wenn es nicht die Zäune sind, die die Kleidung und die Haut aufreißen, dann ist es die Guardia Civil, die mit Schlagstöcken, Steinen und Knüppeln die Menschen von den Zäunen prügelt. Es gibt unzählige Videos, die die Brutalität der spanischen Grenzsoldaten bezeugt. Genauso viele Beweise gibt es, dass selbst jene, die es bis auf spanischen Boden schaffen, rechtswidrig gewalttätig durch den Zaun zurück auf die marokkanische Seite verfrachtet werden. Man muss nur „Ceuta“ und „Flüchtling“ bei youtube eingeben. Idris´ linker Ringfinder ist verkrüppelt. Freddies Füße haben sie gebrochen. Einen ihrer Freunde haben sie mit einem Stein geradezu „abgeschossen“. Sie trafen ihn am Kopf. Er hat „Glück“, dass er „nur“ sein Gedächtnis verloren hat und nun in der Stadt Tanger verwirrt umher irrt. Wenigstens wird er von Freunden versorgt. Und wenigstens ist er nicht tot. Jean konnte nicht mehr im Wald bleiben. Zu vieles erinnert ihn an seine Freunde. Freunde, die nicht mehr da sind. Es ist ein wahrer Krieg. „Klar würde ich gerne zurück schlagen. Aber wenn wir da mit Waffen aufkreuzen, dann können wir uns die Chance auf einen Asylplatz gleich abschminken.“, sagt Frank aus Kamerun. Er war dabei, als am 6. Februar 2014 beim Massenansturm mehrere Menschen ums Leben kamen. Offiziell sollen es 15 gewesen sein. Frank sagt, es wären bei weitem mehr gewesen. Beim Massenansturm wurden mehrere Stellen gleichzeitig gestürmt. Er war bei der Gruppe dabei, die versuchten, die Zäune im Meer zu umschwimmen. „Das Tränengas hat den Leuten die Luft abgeschnürt. Sie sind einfach ertrunken. Um mich herum…“ Einige haben es an jenem Tag tatsächlich bis nach Ceuta geschafft. Doch nach diesem Erlebnis haben sie die Größe gehabt wieder zurück ins Camp zu gehen. Sie waren schon am Ziel ihrer teilweise jahrelangen missglückten Versuche. Doch das war zu viel. An jenem Tag war Europa kein Traum mehr. Der Kontinent der Menschenrechte hatte ihnen gezeigt, dass dieses Bild nicht stimmt.

Es gibt berühmt berüchtigte Attacken. Die „Attacke des Todes“ in 2013 zum Beispiel. Untereinander sagt man, es waren 100, die gestorben sind. Die Geschichten werden sich wie Epen erzählt. Mit allen Details. Oft mystisch. So wie bei der „frappe de sang“ (Die Attacke des Blutes). Das Meer war ganz ruhig. Doch als sie am Strand ankamen türmten sich auf einmal riesige Wellen auf. Da waren dreimal so viele Militärs, wie Migranten. Der Kampf war dreckig.

Dass Kameraden um´s Leben kommen, ist fast schon Bestandteil einer jeder solcher Geschichte. Wenn es zu diesem Detail kommt, werden die Gesichtszüge hart. Manchmal wird gelacht. Über jene , die ihre Angst zu sehr nach außen getragen haben. Sie lachen, weil sie erzählen, dass einer anfing zu weinen, als er seinen Kumpel leblos und blutverschmiert am Boden hat liegen sehen. Lachen. Ein hartes Lachen, mit dem Unterton: plärre nicht. Wir kennen das alle. Irgendwann muss man da drüber stehen wissend, dass es nie geht. Das einzige, was als Strategie bleibt ist hart zu werden.

Auf marokkanischer Seite ist nicht die Frage ist, ob unter ihnen Verletzte oder Tote sind. Es geht nur darum zu wissen, wie viele. Die Verlust-Bilanz wird am Ende gemacht. Auch bei der Attacke vergangene Weihnachten sind mindestens sieben gestorben. Sie wissen das. Entweder sie stehen daneben, wenn es passiert. Oder es fehlen am Ende des Tages Menschen. Dass sie im Stillen sterben ist mittlerweile nichts, worüber sich echauffiert wird. Noch unwahrscheinlicher ist, das irgendwer dafür verantwortlich gemacht wird. Damit rechnet sowieso keiner. Sie sind es, die, wenn sie die Nummer haben, die Eltern informieren.

Die einzige Macht, die die Gruppe hat, ist die Offiziellen dazu zu zwingen, ihnen die Körper zu zeigen, bevor die Spuren beseitigt werden. Oder sich heimlich selbst zum Ort des Geschehens zu schleichen mit dem Risiko, selber aufgegriffen zu werden, bevor alles „gesäubert“ wird.

Das marokkanische Militär kommt in regelmäßigen Abständen zerstört die Zelte, verfolgt die Menschen und wer gefasst wird wird ins Gefängnis verfrachtet. Ende vergangenes Jahr kamen zwei von ihnen um, weil sie sich in der Höhle beim Gemeinschaftsplatz jene, die mir Brice gezeigt hat, versteckten und ausgeräuchert wurden, als das marokkanische Militär wieder mal das Camp zerstören kam und es nieder brannte. Es gibt Stoßzeiten, in denen sie nicht mal mehr ihre Schuhe zum Schlafen ausziehen oder ihre Zelten ordentlich aufrichten. Immer bereit zum Flüchten. Aiman, der Politkwissenschaftler mit dem Lisa am Feuer diskutierte, wurde einmal geschnappt. „Es sind die von unterem Rang. Sie nehmen dich mit in eine ihre Wachthütten und machen, was sie wollen.“ Er wurde nackt ausgezogen und von oben bis unter verprügelt. Als er wieder zurück kam dachten vielen, er würde das nicht überleben. Sie dachten, er hätte neben den Blessuren noch ein Krankheit davon getragen. Er blutete aus der Nase. War lethargisch. Doch er hat es geschafft. Heute ist er in Europa.

Auch die marokkanische Zivilgesellschaft spielt den Autoritäten zu. Der Rassismus fängt bei den Kleinen an, die Steine nach ihnen werfen. Geht über die Hirten, die nach der Polizei rufen, wenn sie die  Waldbewohner im Unterholz oder auf dem Weg in Richtung Zaun entdecken. Und hört bei den Männer auf, die „ihre“ Frauen vor den Sub-Sahara-Afrikanern „in Ehre halten“ wollen. Nach einem Vorfall hat die interne Camp-Organisation die Regel aufgestellt, dass marokkanische Frauen Tabu sind. Wer sich nicht daran hält, hat auch im Camp mit Konsequenzen zu rechnen. Eine der härtesten Strafen ist flüssiges Plastik auf der Haut.

Die Macht einsetzen, die man hat –  die Beziehung  „Ali“  –  „Mon Ami“

„Einmal haben wir gestreikt. Es gibt hier ein Internetcafé, das ist von uns abhängig. Denn da, wo wir sind, da hin geht kein Marokkaner. Der Internetcafé-Besitzer kennt uns. Normalerweise kostet eine Stunde zwei Dirham. Er nimmt fünf. Ab und an gibt er uns Freistunden. Sonst kommen wir nicht mehr. Er verdient ja ordentlich Geld mit uns. Sein Bruder ist bei der Polizei, das wissen wir. Einmal haben wir ihm klar gemacht, dass wir nicht blöd sind. Er fragte: wann versucht ihr es denn wieder? Da haben wir einen Plan geschmiedet. Wir haben gesagt: wir gehen nur noch in kleinen Gruppen und nur noch bis spätestens 20 Uhr. Denn, wenn alle da sind, weiß er, wir sind da und haben demnächst keine Attacke geplant. Wenn keiner mehr ins Internetcafé geht, dann weiß er, dass wir uns sammeln, dass eine Attacke bevorsteht. Also sind wir zwei Wochen lang immer in kleinen Gruppen hin. Und immer nur bis 20 Uhr. Er hat es gecheckt und uns anerkennend die Hand gegeben. Alles klar, mon amie. Habe kapiert.“

Wenn eine Attacke statt gefunden hat, dann gibt es sogar Leute, zu denen vor allem jene, die länger im Wald wohnen, einen besonderen Kontakt haben. Wenn sie wieder zurück in den Wald gehen, ist das Camp sowieso zerstört. Alles muss von neuem aufgebaut werden. „Ich habe „meinen Ali““, sagt Boumsang so, als wäre es „sein Auto“. Nur, dass es „seine Quelle für Materielles ist. „Ali“, so nennen sie alle Araber. Ali, Casa,… es gibt so einige Spitznamen. Nur nicht zu persönlich werden…. Es ist eine zwiespältige Beziehung. Er spielt dem „Ali“ in seiner Machtposition zu. Denn „Ali“ hat ja das Geld. Doch nicht irgendwie. Sondern so, dass Boumsang letztlich das bekommt, was er vom „Ali“ will. „Wenn ich zu ihm gehe sagt er „Hat´s wieder nicht geklappt, mon amie?“, dann reden wir ein bisschen, du weißt schon, kumpelmäßig, ich bin einer von denen, der nicht mit Mitleid spielt. Es wissen ja alle, warum du hier bist und in welcher Kondition du lebst. Es wissen ja alle, dass ich hier fest hänge. Also bringt es ja nichts immer das gleiche zu sagen und traurig zu gucken. Das nervt die Leute nur irgendwann und dann haben sie keine Lust mehr, was zu geben. Auf jeden Fall kauft er mir dann neue Klamotten oder was halt gebraucht wird für die erste Zeit.“ Boumsang sieht darin eine Kosten-Nutzen-Beziehung. Man wirkt freundlich für einen bestimmten Zweck. Denn hier haben sie keine andere Wahl. Sie sind von ihrer Ehrfurcht und wie sie damit „arbeiten“ abhängig. Nach allem, was ihnen die „Ali´s“ aber an tun – ob am Zaun, in den Camps, im Kommissariat, auf der Straße oder den Cafés – ist es für viele nicht mehr möglich eine ehrliche Relation zu aufzubauen oder Gutes zu erkennen. Sie arbeiten mit dem was sie kriegen. In jedem freundlichen Small-Talk steckt Skepsis und Misstrauen. Alles ist zweckgebunden.

Von Wald zu Stadt zu Europa?

Logischerweise würde man eine „Entwicklung“ von Wald- zu Stadtleben erkennen wollen. Die, die im Wald leben, leben schlechter, als die in der Stadt. Auch, wenn es vordergründig so wirkt – letztlich ist es nicht so logisch, wie man denken könnte. Die Verbindung zur Stadt und anderen Standorten ist dabei trotzdem immer da. Denn man bleibt im Kontakt. Man kennt sich innerhalb der Migrantenkommune. Ab und an fährt man nach Tanger. Manche sogar jedes Wochenende, um die Vorzüge der Stadt zu genießen. Vor allem die Tatsache, dass es dort mehr Frauen gibt. Oder man besucht seine Freunde. Oder, weil man sich informieren möchte, wie die Lage für Bootsüberfahrten ist, um Material zu kaufen oder, um die Taktik zu wechseln je nach Wahrscheinlich auf einen Erfolg für die jeweilige Methode: Boot oder Zaun. Manche sind flexibel. Andere bleiben lieber an einem Standort. So, wie Paul.

„Ich habe hier sogar mehr Geld, als die in der Stadt. Denn ich muss ja keine Miete bezahlen. Keinen Transport. Ich kenne mich hier aus. Das ist halt mein Zuhause hier in Marokko. Selbst, wenn sie mich festnehmen. Anfangs war ich unglaublich angepisst. Aber mittlerweile betrachte ich es als Spiel nach dem Motto „Ihr fangt mich, doch ich komme immer wieder. Egal, wie oft ihr es versucht.“ Wenn ich unter dem Himmel sitze, denke ich mir: ich bin hier freier, als die in der Stadt. Denn ich gebe mir diese Freiheit. Viele wollen einfach nur rüber. Sie leben von Tag zu Tag und sind trotzdem getrieben. Hecheln von Stadt zu Wald, von Cassiago nach Nador. Ich war dreimal in Europa. Dreimal im Auffanglager im Ceti. Und bin jetzt zum dritten Mal hier vorm Zaun. Ich gebe mir Zeit. Beobachte. Gucke, wie die Dinge laufen dort, wo ich bin. Baue mir ein Netzwerk auf. Und steigere so letztlich die Chance, dass, wenn ich es dann versuche, es auch klappt. So hat das bis jetzt immer gut funktioniert. Was ich gelernt habe: egal, wo du bist, am besten ist, du bist ganz da, wo du bist.  So findest du dich immer zurecht. So hast du auch eine bessere Ausgangssituation in Europa. Denn letztlich geht es darum, dich an deinem Umfeld zu orientieren. Aber diesen Sinn muss man sich anlernen. Außerdem kriegen mich keine zehn Pferde in so ein scheiß Schlauchboot.“

Manche leben in dieser Lebensform seit einigen Jahren. So auch Paul. Denn so gut wie alle, die über Algerien gekommen sind, kamen über Magnat. Das Camp dort ist kein Camp mehr – es ist eine eigene Stadt. Mehrere Nationen auf algerischem Territorium. Einige, so wie Paul,  waren dort einige Jahre Teil der internen Struktur, arbeiteten als Guides, hatten Positionen inne, wurden sogar in die „Regierung“ per Wahlen erhoben. Hier sitzen sie mit jenen zusammen und Essen Abendbrot, die für sie in Magnat ihre „Kunden“ waren, „Passagiere“, wie sie genannt werden. Jene, die nur einige Tage bleiben mit dem Ziel, so schnell wie möglich auf marokkanisches Gebiet zu kommen. Hier kommen alle zusammen. Die „ancient“, die alten, und die neuen. Die, die schon Jahre lang unterwegs sind und die, die schnell ankommen wollen.

Wie die ungeliebte Verwandtschaft: man hat keine Wahl

Sie erleben Attacken, wie in Kriegsfilmen. Sie hecken Taktiken aus, die Spionen in nichts nachstehen. Es ist ein eigener Kosmos, ein spezielles Gemeinschaftsgefühl.  Das Leben, der geteilte Erfahrungshorizont ist einzigartig. Sie machen sich ihre eigenen Regeln. Es gibt kein von außen auferlegtes System, weil sie ohnehin aus dem System fallen. Es gibt nur Konditionen, in denen sie sich befinden, mit denen sie arbeiten müssen und die die Basis für ihr eigenes System stellen. Migrationsforscherin Regina Römhild von der Humboldt-Uni in Berlin würde dieses System im System „Migrationsregime“ nennen – eine eigene Welt, die mit dem offiziellen System arbeitet, um dessen Schwachstellen zu identifizieren. Jene Schwachstellen, die ihnen zugute kommen können. Denn offiziell gibt ihnen das System keine Möglichkeit. Die einzige Möglichkeit ist, das System so gut zu kennen, dass sie ihr eigenes schnell genug anpassen können, um so immer einen Schritt voraus zu sein.

Sie zelebrieren ihre eigenen Riten, die sie aus der Heimat mit gebracht haben und adaptieren sie ins Umfeld. Ob Muslime oder Christen. Jeder hat andere Formen. Je nachdem ob aus der Elfenbeinküste, aus Kamerun, Guinea oder Senegal. Mal mit bestimmten Talismanen, Kordeln um die Hüften, mal mit bestimmten Kräutern, anderen Gesten und zu unterschiedlichen Spirits mit unterschiedlichen Namen. Mit gesegnetem Salzwasser oder verbannten Kräutern. Doch DASS es außerhalb der Buchreligionen andere Kräfte gibt – da sind sich alle einig.  Das verbindet. Das hält vieles in der Gemeinschaft zusammen. Denn darüber muss nicht gestritten werden. Und es ist die Basis für verbindende Momente zusammen. Sie beten zu ihnen vor einer Attacke. Sie „entlassen“ die Seelen ihrer verstorbenen Kameraden mit bestimmten Riten und nach einer bestimmten Zeit. Sie singen ihre Lieder. Sie feiern ihre Feste.

„Als spanische Journalisten da waren, wollten sie filmen, wie wir vor einer Attacke beten. Da dachte ich: ok, wenn ihr das unbedingt wollt. Die Chance lass ich mir nicht entgehen. Ich habe irre bedeutungsvoll gesagt: ich bin der Schamane. Ich brauche ein Huhn und zwei Flaschen Vodka. Und 100 Euro. Dann mach ich das. Und dann habe ich irgendwas  gemacht. Irgendwas, was wahnsinnig „afrikanisch“ rüber kommt. Immer, wenn ich in die Nähe der Spanier kam, habe ich irgendwas „ougaga“-Mäßiges bebrabbelt. Am Ende, da war ich selber ganz von mir überrascht, habe ich mit meinen Zähnen das Huhn zerteilt und bedeutungsvoll gesagt: wenn wir aus dem Wald gehen: auf keinen Fall umdrehen! Wir mussten uns alle zusammenreißen, dass wir nicht in Gelächter ausbrechen.“

Da sie wissen, was die Europäer sehen wollen, ist es nicht schwer irgendwas zu produzieren, was am Ende alle glücklich macht. Die Spanier hatten ihre Bilder, sie zwei Flaschen Vodka, 100 Euo und ihren Spaß. Dass sie Rituale haben ist ein Fakt. Aber sie sind für sie. Und niemanden sonst. Sie würden sie niemals ernsthaft für jemanden performen. Dazu sind sie zu wichtig. Mit den Spirits spaßt man nicht.

Trotz der Nähe herrscht auch untereinander stetiges Misstrauen. Es gibt die Vertrauten. Doch letztlich man weiß nie. Deswegen braucht es die harte, sehr strickte Hierarchie. Ein Verräter unter ihnen kann fatale Konsequenzen für alle haben. Eine unüberlegte Aktion eines Einzelnen oder einer Gruppe die Chance auf eine erfolgreiche Attacke für Monate lahm legen oder die Beziehung zu materiellen Quellen aus dem Dorf gefährden. Eine falsche Information über freie Wege in die Arme vom Militär führen. Es ist eine Mischung aus absoluter Abhängigkeit und absoluter Loyalität. Welches Interesse der Einzelne hat, um loyal zu sein oder die Abhängigkeit eines anderen in der Gruppe für sich auszunutzen, ist ein stetiger Abwägungsprozess. Innerhalb der Hierarchie ein stetiger Machtkampf. Die gleiche Logik, wie bei Brutos und Cesär. Ein perfekter Nährboden für Paranoia. Situationen des gemeinsamen Teilens wechseln sich mit Ausnutzen ab.

Nach allem, was ich mittlerweile gehört habe, was ich von Psychotherapeuten gelernt und bei einem Traumworkshop selbst mit dem renommierten Experten Dr. Rodes gelernt habe: diese Menschen brauchen keine Residenzpflicht, keine Massenunterkünfte, kein „Fordern und Fördern“ – Integrationsgesetz, Bürohengste, die sagen „wer in unser Land kommen will, der muss Deutsch können“ und vor allem daran interessiert sind pünktlich Feierabend zu machen. Und schon gar keine Bürgerwehren! All jenen, die diesen Menschen erneut die Kontrolle über ihr eigenes  Leben nehmen wollen.

Zu aller erst brauchen sie ihre Ruhe und zumindest ein Angebot für psychologische Begleitung.

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