Das Ding mit: gefärbten Hühnchen

Vor ungefähr gut einem Jahr löschte ich eigenfüßig ein Lebenslicht. Dies war und bleibt ein Schock für mich und ich entschuldige mich nochmals aufrichtig. An dieser Stelle möchte ich Zoey Tribut zahlen, unseren Haustier-Rex. Du warst ein gutes Huhn.

Meine Tochter das Huhn

Wir haben ein Haustier. Den direkten Nachkommen des legendären T-Rex: ein Huhn.

Nun könnte man sich berechtigterweise fragen – warum zur Hölle wohnt bei uns im Haus ein Huhn? Hier nun, wie es sich zugetragen hat.

Eines Tages, da waren Lisa und ich gerade eine Woche im Lande, kam unser Mitbewohner Kebe auf die glorreiche Idee eine WG-verbindende Maßnahme zu ergreifen: Er kaufte jedem von uns ein Küken. Jedes repräsentativ für den jeweiligen Bewohner des Hauses. Süße Idee. Wirklich. Die Motivation und der mit Sicherheit gut gemeinte Gedanke dahinter auch erkennbar. Doch unsere, also vor allem meine Begeisterung, hielt sich vorerst in Grenzen.

Ich will nicht falsch verstanden werden – ich habe nichts gegen kleine Tiere. Ganz im Gegenteil. Sie lösen auch in mir ein wohliges Beschützerbedürfnis aus. So hat die Natur das ja vorgesehen. Sogar spezies-übergreifend. Aber genau das war der Grund, warum ich eher Mitleid als Freude empfand. Mitleid mit diesen armen Wesen, die nun völlig von Menschen wie mir abhängig waren. Menschen, die es gerade so schaffen, sich um selber zu kümmern. Und es sollte sich zeigen, dass ich so falsch mit dieser Vorahnung nicht liegen sollte. Naja, nun waren sie halt da.

Es gab noch einen weiteren, unpersönlicheren, aber nicht weniger unmoralischen Grund, weshalb ich etwas zwigespalten auf den Karton mit den Hühnchen guckte: sie waren gefärbt. Man muss kein Experte sein, um sich vorzustellen, dass das, ungeachtet der Art des Lebewesens, nicht besonders gesund sein kann. Beim Färben von Menschenhaaren kann ja auch keiner so richtig die Langzeitschäden abschätzen. Obwohl, es gibt genügend Beweise in der Gesellschaft, die nicht unbedingt für das Benutzen von vor allem Wasserstoffperoxid sprechen.

Eines war knallgelb, wurde zu Kebe´s und trug den Namen „Bob“. Eines war rot, das meinige und wurde auf den Namen „Pamela-Cecile“ getauft. Und finalement war da noch das gras-grüne, Lisa´s, das nun auf den Namen „Zoey“ hört. Wir hatten nun also reggea-farbene Piepmätze daheim. Besonders hübsch war, dass sie sich oft auch noch entsprechend der äthiopischen Fahne ineinander kuschelten. Als hätten sie eine Ahnung von dieser weitreichenden Symbolik.

In den Tagen zuvor fielen Lisa und mir die Kartons mit den gefärbten Küken schon des öfteren auf. Wir hätten auch blaue oder violette haben können. Die Farbpalette ist enorm. Kebe wollte offensichtlich Reggea-Küken.

Zeitlich passte es – es war Ostern. Vielleicht färbt man hier nicht die Eier, sondern die Hühner. Wer weiß. Die Globalisierung ist ja kein partikular modernes Phänomen. Vielleicht ist diese heidnische Tradition aus dem hohen Norden in der Antike über einige germanische Händler, denen die Grenze des Limes bei Köln und der Handel mit blonden Haaren für römische Frauen zu langweilig wurde, bis hier her getragen worden. Und da sich Kulturen immer dem lokalen Kontext anpassen, haben die Berber eben nicht die Eier, sondern die Hühner als Fruchtbarkeitssymbol und damit auch als Objekt des Färbens auserwählt. Ich schweife ab….

Nicht nur die Färbung, sondern auch der Ort, an denen die Küken feilgeboten wurden, irritierte uns etwas.

Wir waren oft genug in Gegenden der Welt, wo nicht verheimlicht wird, dass das, was auf dem Teller landet von dem herrührt, was vorher noch gezappelt hat. Wir kennen Tiermärkte. Oder zumindest Märkte, auf denen im Umfeld zu erkennen war, dass es sich bei der feilgebotenen Ware um Dinge handelt, die unter das Oberthema „Essen“ fallen.

Die gefärbten Hühnchen haben jedoch eher den Status einer DVD oder Lichterkette. Wenn man sich einen Waschlappen und den Einkauf für das Abendbrot erledigt hat, kann man in der gleichen Straße auf dem Heimweg noch eins mit in die Einkaufstüte packen.

Eine DVD kostet dabei bei weitem mehr. Als Vergleich: Für einen Espresso in einem der preiswertesten Cafés oder für ein Kilo Orangen oder für ein Brot könnte man drei Küken erstehen.

Mir wurde erklärt, dass diese Küken, wegen des Giftes der Farbe, eh nicht besonders lange leben. Deshalb dürfen sie wohl auch nicht zu viel kosten. Man kennt ja das Prinzip – meistens hält das, was wenig kostet nicht so lange. Da geht´s den Handys wie den Hühnern.

Unsere haben schon drei Wochen durchgehalten. Nun gut….Zoey zumindest.

Die anderen beiden sind aber nicht „kaputt“ gegangen, sondern wurden kaputt gemacht – wir haben sie an einen Raubvogel verloren. Das Fenster stand offen…

The last Küken standing Zoey hat aber mit Sicherheit das beste Leben, das sich ein gefärbtes Hühnchen erträumen darf. Ich hingegen habe mal wieder festgestellt, dass ich immer mehr wie meine Mutter werde. Das Verhalten, das ich nun an den Tag lege, kenne ich aus der Zeit, als wir zuhause erst Guppies, dann Hamster und dann Meerschweine hielten.

Ich konnte mich also gar nicht wehren. Ich musste diese Rolle der Skeptikerin der WG-Familie einnehmen, die anfangs ganz klar, so wie meine Mutter früher, sagte: „Oh nää, keen Viech ins Haus“. Aber ich wusste schon, warum ich so skeptisch war. Denn auch jetzt folge ich dem Verhalten meiner Mutter: ich bin diejenige, die sich letztendlich kümmert.

Ich finde mich beim Ausflug an den Rand der Stadt zu einer alternativen Pädagogikfarm heimlich das Stroh des dort lebenden Federviehs klauend, um für Zoey ihren Karton auszupolstern. Oder Klopapierrollen und Stöckchen zum Verstecken und Spielen herrichtend. Ich habe sogar Hemmungen zu früh aus dem Haus zu gehen, denn ich will, pädagogisch wertvoll, dass Zoey unter Aufsicht noch etwas auf der Terrasse ihrer Freiheit frönen kann. Damit ich dann mit Klopapier bewaffnet die Terrasse von ihrer Kacke befreien darf. Aber ihr fröhliches Gepiepe ist es mir wert.

Am Ende wurde ihr meine Fürsorge zum Verhängnis. Ich wurde zum Muttertier, was bedeutete, dass sie mir überall hin folgte. Eines Vormittags arbeitete ich, so wie seither immer, auf der Terrasse, um Zoey Zeit zum Freiheitfröhnen zu lassen. As der Kaffee eindeutig hörbar fertig war, ging ich in die Küche. Zoey tänzelte um meine Füße. In absoluter Aufmerksamkeit dem Huhn gegenübe übersah ich das Kabel meines PC´s, blieb hängen, hob mein Bein, schwankte, und setze direkt auf dem Huhn auf… Das Gefühl unter meinem Schuh kann ich nicht wider geben. Sie humpelte. Ich war erstaunt, wie sie dennoch in der Lage war, sich in eine Ecke zu verkriechen. Sie fiepte. Und fiepte. Anklagend. Ich versuche mir einzureden, dass sie wusste, dass es nicht mit Absicht geschah.

Alle Versuche sie nach der Wucht meines Körpergewichtes wieder herzurichten, waren am Abend des selben Tages vergebens.

Hättest du die Chance gehabt größer zu werden, du wärst das einzige grüne Huhn der Pädagogikfarm am Stadtrand gewesen, zu der wir dich abgeben wollten, um ein schönes Leben inmitten von Heu, Wiese und Artgenossen zu führen.