Hassan: „Ich bin wie der Held in einem Film. Ich sterbe nicht.“

Foto: Anna Hilde

Hassan kam aus der Elfenbeinküste nach Marokko wegen eines Fußball-Turniers bei dem er hoffte, entdeckt zu werden. Irgendwann fand er sich dann dabei, Teil der Kommune zu sein, die versucht nach Europa zu gelangen. Während meines Aufenthalts hat er es dreimal versucht. Zwischen dem zweiten und dritten Mal haben wir gesprochen. Er ruhte sich gerade auf der Coach von der vorangegangenen Nacht aus und bereitete sich auf die kommende vor, in der es klappen sollte.

Teil 1 Nochmal und nochmal und nochmal

Ich hab das erst gestern meinem Cousin gesagt, ich meinte „ich bin gerade in einem Film. Und ich bin der Held im Film und sterbe also nicht. In diesem Abenteuer gibt es deshalb keinen einzigen Moment in dem ich wirklich Angst habe.

Dieses Mal habe ich nicht viel bezahlt. Man muss halt wissen, wie man redet. Außerdem ist er Ivorer, ich bin Ivorer. Wir sind in der Sache Brüder. Wir sind alle Ivorer. Ich kenne ihn seit dem Fußballturnier. Sein kleiner Bruder spielt im gleichen Team, wie ich. Sein kleiner Bruder hat mir von ihm erzählt. Und er meinte, wenn sich anbahnt, dass etwas geplant ist, dann gibt er mir ein Zeichen. So sind wir zusammen gekommen. Ich profitiere außerdem davon, dass er vergangene Woche drei Boote rüber gebracht hat. Alle vom gleichen Ort aus. Ganz genau, er hat eine sehr gute Reputation.

Als ich es zum ersten Mal mit dem Schlauchboot versucht habe war der Organisator Senegelese. Das war eines mit Motor und ich habe wirklich viel bezahlt. So ungefähr 500 Euro. Wir wurden auf dem Wasser abgefangen. Und ganz ehrlich: das war alles sehr schlecht organisiert. Wir mussten alles selber machen. Normalerweise kümmert sich der Organisator um alles. Aber damals habe wir alles gemacht. Wir haben das Boot aufgeblasen und so weiter. Der Typ hat sein Wort nicht gehalten. Der hat uns gesagt, dass er das Militär bezahlt hat. Aber hätte er das Militär bezahlt, dann hätte uns das Militär sogar beim Aufblasen des Bootes geholfen und es ins Wasser gesetzt. Aber wir mussten uns vor ihnen verstecken und alles selber machen. Als wir das Boot ins Wasser gesetzt haben, haben sie uns gesehen. Und …nun ja, 30 Minuten später haben sie uns dann auf dem Wasser gefasst. Organisatorisch war das wirklich eine Katastrophe.

Das letzte Mal als ich es versucht habe, war das nicht mit dem Schlauchboot. Sondern ich und drei meiner Freunde, drei Ivoren. Wir haben uns bei Cassiago einen Guide gekauft (100 Euro) der uns den Weg gezeigt hat. Dort schwimmt man um die Zäune. Von Tetouan nach Ceuta. Das war wirklich ein guter Guide. Er hat uns bis zum Wasser gebracht. Sein Vorteil war außerdem, dass es ein Marokkaner war. Er hat uns gesagt: wenn ich mit dem Militär reden, lauft ihr vorbei. Also ist er gegangen, redet mit dem Militär, wir sind vorbei. Wir haben das dreimal gemacht. Am Ende waren wir ungefähr 10 bis 15 Meter vom Wasser entfernt. Da haben wir uns dann umgezogen. Wir hatten Schwimmanzüge dabei. Und auf einmal hören wir bellende Hunde „wuff, wuff,..“ Die Marokkaner nahmen ihre Taschenlampen. (wir mussten umdrehen). Voila, es hat also nicht geklappt.

Irgendwann weiß man wie´s läuft

Mir ist es lieber, wenn man mich überrascht. Wenn man mir sagt, wir fahren am Donnerstag, oder Freitag und dann fahren wir doch nicht, dann ist das moralisch nicht besonders gut, weil ich mich schon vorbereitet habe. Ich habe es lieber, wenn man mich überrascht „Hallo, wo bist du, es geht los“. So läuft das. So machen das die Organisatoren. Sie geben keine fixen Tage. Denn es gibt auch Gerüchte und Mundpropaganda. Es könnten Leute mitbekommen. Aber wenn etwas zwar vorbereitet ist, aber es spontan los geht, wie du sagst, dann ist das besser.

Ich bin jemand, der schnell analysiert. Ich bin einmal los und habe gesehen, wie das läuft. Ich bin ein zweites Mal los und habe gesehen, wie das abläuft. Gestern bin ich nochmal los. Ich habe gesehen, wie sich die Leute organisieren. Ich schwöre dir, ich könnte mittlerweile auch organisieren. Das einzige Problem, das ich hätte wäre das mit der Automafia. Mein Freund, der heute in Frankfurt ist, ist mit einer kleinen Gruppe von nur fünf Personen los . Die haben ihr Zeug gekauft. Aber ich habe mich auch dieses Mal dafür entschieden, „zu partizipieren“, wie man das nennt, weil ich nicht in Boukhalef bin, ich kenn den Kreislauf nicht gut genug.

Wenn man mich anruft und sagt: Es geht los dann bin ich normalerweise ungeduldig und mein Herz schlägt schnell. Aber gestern war ich total ruhig so, als ob ich eine Reise mit dem der Bahn oder dem Flugzeug machen würde. Ich war wirklich relaxed und ohne Druck, denn ich war wirklich sicher, dass es dieses Mal klappt. Gestern war mein Tag. Aber naja…es gibt halt immer jene, die nur da sind, um zu verhindern. Aber mein Weg ist vorgezeichnet. Gestern sollte es nicht sein,  also soll es heute sein.

Teil 2  In  Nacht und Nebel Aktion – ein Versuch

(Foto: Anna Hilde)

Alle für einen, einer für alle? Aber nur die, die zu mir gehören…

Gegen 20 Uhr hat mich der Organisator gestern angerufen. Daraufhin habe ich meinen Cousin angerufen und wir sind nach Boukhalef gefahren. Die anderen sind dann kleckerweise auch eingetroffen, bis die Gruppe vollständig war. Wir waren vier Ivoren, zwei Malier, die vier Kapitäne (Senegalesen), ein Kongolese und ein Kameruner. Das macht also insgesamt zwölf Personen.

Ungefähr 1 oder 1.30 Uhr ist dann die Automafia gekommen. Dann sind wir ungefähr 25 Minuten gefahren bis wir an einem Wald angekommen sind. Wir sind dann in den Wald rein bis wir mitten drin waren. Dort haben wir das Material ausgepackt. In dem Moment sagt einer: Die Pumpe fehlt. Wie wollen wir denn so fahren? Das war wirklich Mist, wirklich etwas Angst einflößend. Daraufhin haben wir den Organisator angerufen und gesagt, dass die Pumpe fehlt. Auch er war ganz schön überrascht. Er meinte: das kann nicht sein! Ich habe alles vollständig gekauft… vielleicht ist es ein Unfall. Vielleicht habt ihr die Pumpe am Auto gelassen oder sie ist während ihr ausgestiegen seid runter gefallen. Geht noch mal zur Straße und guckt nach.

Und weißt du, was die Senegalesen dann gemacht haben? Sie haben uns da sitzen lassen, sind zu viert aufgestanden, haben das Material genommen und wollten los die Pumpe suchen gehen. Ich fand das komisch. Ich hab gesagt: um die Pumpe suchen zu gehen müsst ihr doch nicht das ganze Material mitnehmen. Wir werden das Boot hier aufblasen. Ihr geht also suchen und kommt wieder, dann pumpen wir hier auf. Oder wenn ihr sie nicht findet, dann rufen wir den Organisator an und sagen, wir haben sie nicht gefunden. So einfach.

Aber die Typen meinten: Nein, wir gehen los und gucken nach. Daraufhin habe ich die Paddel genommen und gesagt, ok, lasst uns gehen. Wir haben geguckt, ob alles ruhig ist und sind los. Als wir ein wenig gelaufen sind fragt mich einer der Vieren: bist du Senegalese? Und ich meinte: Nein, wieso? Und er sagte: also wir hauen ab. Wir lassen die anderen und werden Boza (in Europa ankommen). Ich meinte: Achso? Das ist doch nicht normal! Wir sind hier um alle gemeinsam zu gehen. Wir sind nicht hier, um uns aufzuteilen und einige gehen nach links und andere nach rechts. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon an der Straße.

Ich rief den Organisator an und zehn Minuten später war er da. Wir haben uns angeblafft und er fragte uns, was denn los sei? Da meinte ich: deine Typen wollen abhauen und die anderen zurück lassen. Daraufhin geriet er außer sich und hat sie zur Sau gemacht. Dann sind die Typen abgehauen. Er hat das Material genommen, um es weg zu schaffen und meinte wir sollten auf ihn warten. Dann haben wir ungefähr eine halbe Stunde gewartet. Dann meinte er, wir sollten in seine Richtung gelaufen kommen, da er ja mit dem Auto an der Straße warten würde. Also sind wir los. Auf einmal tauchten zwei Marokkaner, Militärs, vor uns auf und fragten „Mon amie, mon amie, wo soll´s denn hin gehen?“. Tja und dann.. dann ging´s ab. Wir sind weg gerannt, sie sind hinter uns her. Wir sind gerannt, gerannt, gerannt… Aber da die beiden recht unfit waren konnten wir fliehen und uns im Busch verstecken. Nochmal für ungefähr eine halbe Stunde. Von dort haben wir gesehen, wie sie uns gesucht haben. Sie sind mindestens dreimal an uns vorbei.

Dann habe ich den Organisator angerufen und ihm gesagt: wir sitzen in der Scheiße. Die sind dabei uns zu suchen. Er meinte, er sei auf dem Weg. Zwanzig Minuten später haben wir ihn dann gesehen. Dann sind wir los gesprintet, um bis zum Auto zu kommen und sind rein gesprungen. Danach sind wir nach Boukhalef. Er ist bei jedem einzelnen vorbei und hat ihn dort abgesetzt. Er meinte: heute versuchen wir es nochmal.

Eine gute Reputation heißt:  fair sein

Er ist der Organisator. Das ist wie im normalen Leben. Als Direktor hat man auch eine Sekretärin, die die Anrufe entgegen nimmt, also ausführt. So ungefähr ist das. Er setzt Leute ein, die dann seine Anweisungen ausführen. Gestern habe ich ihn wirklich respektiert, weil er ein Mann ist, der sein Wort hält. Als die Situation kritisch wurde, wir in Gefahr waren und es keine Lösung gab, hat er persönlich die Verantwortung übernommen und ist gekommen uns abzuholen. Das gibt Vertrauen. Außerdem hatte jeder seine Schwimmweste. Ich bin mir sicher, dass er mindestens drei, vier Jahre Erfahrung hat. Er meinte: Ich garantiere euch, dass ihr bis zum Wasser kommt. Er hat uns nicht Europa versprochen. Denn das kann man gar nicht.

Es gibt da nur eine Sache, die er mir gesagt hat, die mich wirklich hat schmunzeln lassen. Er meinte: Wenn ihr im Boot seit, dann wirst du das Wasser raus schippen, weil du so zierlich bist. Ich meinte: Wie bitte, das ist doch nicht normal, du negierst mich! Nee, das kann ich nicht machen, ich will paddeln! Zierlich hin oder her, heute paddle ich. Wenn ich erschöpft bin, dann werde ich das Wasser raus schippen. Wir werden uns abwechseln. Denn die Überfahrten mit dem Schlauchboot: da musst du voll dabei sein. Da geht es wirklich um „einer für alle und alle für einen“. Denn es ist eure Kraft, die euch nach Europa bringen kann. Wenn es in der Gruppe jemanden gibt, der nicht ordentlich mit macht, dann fällt das auf die gesamte Gruppe zurück.

Teil 3: Wer wie reist und warum: das entscheiden die, die die Macht haben

Wenn ich einen europäischen Pass hätte

Ich würde gerne mal nach Brasilien, vor allem zum Strand von Copacabana. Ich würd gern dahin, weil Brasilien ein Ort des schwarzen Menschen ist. Es ist ein gemischtes Land. Ich würde gern diese Kultur entdecken und beim Karneval mit machen. Auch in die USA würde ich gern. Das ist einfach seit jeher ein Traum von mir mal Miami zu sehen. Und Venedig! Warum Venedig? Weil ich finde, dass Venedig zu einer anderen Welt gehört. Wie kann man eine ganze Stadt auf Wasser bauen. Alles ist mit Wasser: die Fortbewegung, sogar die Polizei… sogar die sind mit dem Boot unterwegs! Das ist echt eigenartig. Ich würd da einfach gerne hin, um das mit eigenen Augen zu sehen. Hach, ich würd so gern Venedig sehen. Ich habe sehr viele Träume, die ich realisieren will.

Man muss das Bild wahren, dass man als Klandestiner abgeben soll

Letztlich ist es so: die Weißen haben das Wort erfunden. Sie sagen „das ist illegal“. Das heißt, wenn du illegaler Weise dort hin willst, dann kannst du da nicht mit Kopfhörern, mit deinem Telefon ankommen. In einem Boot? Sie würden sagen: Mein Freund, kommst du etwa als Tourist? Du bist ein Klandestiner! Du bist ja kein Klandestiner, weil du nicht die Mittel hättest, um mit dem Flugzeug zu fliegen. Es kann einfach nicht jeder reisen. Ich denke, damit sich die Dinge in Zukunft bessern, müsste man es den Leuten einfacher machen. Heute ist es beispielsweise so: Du gehst in eine Botschaft und zeigst deinen Pass – das reicht nicht. Sie geben dir kein Visa. Das ist doch nicht normal. Am Ende bin ich auch nur ein Mensch. In der Elfenbeinküste machen die mit Visa Geschäfte, die unglaublich sind. Die wollen 4500 Euro für ein Visa! Das….das ….das ist das Ende der Welt! 4500 Euro für ein Visa! Auch deswegen habe ich mich für diesen Weg entschieden. Aber selbst, wenn du das Geld hast ist es schwer ein Visa zu bekommen. Es gibt so viele Kriterien. Man fragt nach einem Bankkonto, jemanden der dich beherbergt, eine Garantie,….so viele Kriterien, die so schwer sind zu erfüllen. Auch deswegen nehmen einige Menschen den Weg über das Mittelmeer.

Die Wertigkeit der Länder weltweit nach Zugang zu Visa

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