Die Rosenhecke ist der Natodrahtzaun – die „Migrationskrise“ meines Lebens

Es ist die alte Leier: Die Prinzessin und der Bauernsohn. Die Montagues und Capulets. Die Meerjungfrau und der Landbewohner – seien es die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Unterschiede – die Liebe überwindet im Märchen alles. Und wie ist das im echten Leben? Arte hatte da eine Reihe mit eben diesem Thema, nämlich „Liebe verboten oder: Romeo und Julia von heute“. Da wurden alle Arten von Hürden an einem Beispiel angeführt. Aber was, wenn alle zusammen kommen? Die physische, die politische, die rechtliche, die gesellschaftliche und alles, was mit der Hautfarbe an Stereotypen einher geht. Dann ist dies meine, unsere, „Liebe verboten“ -Story.

Im Waldcamp unterm Mond über Gott und die Welt – objektiv betrachtet ein ganz normales Date

Es war einmal….eine deutsche Journalistin auf Recherchereise drei Monate in Marokko. Sie folgte ihrer Spürnase und landete irgendwann im Waldcamp kurz vor der spanischen Enklave Ceuta (siehe den Bericht „In der Stadt verliere ich das Ziel aus den Augen“). Dort redete sie mit allen möglichen Menschen. Nach schon mehreren Stunden Aufenthalt und auf dem Weg in den Busch, um sich zu erleichtern, stolperte sie in eine Diskussion einer kleiner Gruppe, die sich nicht besonders für die zwei europäischen Mädels, die mit der Journalistin dort waren, sowie die Journalistin selbst interessierte. Ab dem Zeitpunkt an philosophierte sie mit einem ihrer „Rechercheobjekte“ im Waldcamp bis in die frühen Morgenstunden unterm Mond über alles, aber nicht über das, warum sie ursprünglich hin gefahren war.

Da saßen sie also. Neben den Plastikzelten, den „Bunkern“, auf einem Stein in Marokko. Eine Deutsche und ein Kameruner. Eine Deutsche, die mehrere Jahre in Afrika gelebt hat. Ein Kameruner, der mehrere Jahre in Frankreich gelebt hat. Denn er war schon zweimal „auf der anderen Seite“. Das ist nicht unerheblich. Ein Verständnis für die andere Perspektive ist sehr vorteilhaft. Das war wohl auch ein Grund, warum die Situation so ohne Projektionen und Ehrfurcht, einfach entspannt sein konnte. Doch er wurde jedes Mal deportiert. Beim zweiten mal hatte er nur noch eine administrative Hürde zu nehmen, um seine Papiere zu bekommen. Doch da war er schon im Deportationlager. Eigentlich steht den Menschen in jenen Lagern rechtlich eine Anhörung zu. Doch, ja, auch im „gerechten“ Europa, auf das wir immer alle so stolz sind, werden grundlegende Rechte verwehrt. Er wurde deportiert bevor er die Chance hatte angehört zu werden.

Die Globalisierung, die Grenzen schafft

Die Deutsche, freiwillig in Marokko auf Entdeckungstour. Der Kameruner auf Zwang im gleichen Land. Sie, die mit dem mächtigsten Pass der Welt am Folgetag einen Ausflug nach Ceuta machen konnte. Er, mit einem Pass, der ihn als „nicht würdig“ ausweist, eben jene Grenze zu überschreiten.

Wir leben eine globale Realität, die die Welt von mir verlangt (kosmopolit sein), aber ihm abspricht. Weil ich reisen kann, treffen wir uns überhaupt erst. Weil er es nicht darf, können wir nicht zusammen sein.

Wir haben in eineinhalb Jahren alle möglichen Vetrauenshürden- und Beweise geliefert. Ob von Angesicht zu Angesicht oder per Skype. Vor allem uns gegenseitig. Am Ende steht unterm Strick: wenn´s passt, dann passt´s halt. Wir wollen uns nicht mehr rechtfertigen. Wir haben unsere Hürden genommen. Oder zumindest Methoden entwickelt. Wenn es um uns geht, dann besteht zumindest diese Macht Methoden zu entwickeln. Bei all den anderen Hürden bleibt uns wenig Spielraum. Wir haben fast keinen Einfluss, keine Macht, keine Kontrolle über unser Leben.

Ein bunter Strauß an Hindernissen

Er muss nun irgendwie auf die andere Seite. Er hat einen Sohn. Und er ist einer jener Männer, die verrückt bei dem Gedanken werden, dass sein Kind ohne ihn groß wird. Er telefoniert so oft er kann. Außerdem: eine europäische Staatsbürgerschaft erlaubt ihm zukünftig schlicht und ergreifend Bewegungsfreiheit. Daran wäre auch ich sehr interessiert. Wir sind beide qua Natur Bewegte. Sonst hätten wir uns ja nicht in Marokko getroffen. Und eigentlich müsste man sich gar nicht rechtfertigen müssen. Ich muss es ja auch nicht, wenn ich mir ein Ticket per App irgendwohin kaufe.

Alle Optionen, von Zaun über Visa oder Heirat, haben wir gedanklich und recherchetechnisch durchgenommen. Aber: Erstens kam bei der Heiratsvariante die Angst in ihm auf, ich könnte denken, er sei nicht ehrlich. Zweitens, sowohl bei Heirat als beim Visum, sind die administrativen Hürden fast genauso unüberwindbar, wie der Zaun. Genau deswegen entscheiden sich ja viele für den Zaun. Auch Studenten. Mit denen saß ich am Feuer im Waldcamp.

Wer illegalisiert wird hat nun mal keine andere Wahl als illegale Strukturen zu nutzen. Das ist eine Frage der Perspektive und der Deutungshoheit. Wer bestimmt, wer oder was illegal, kriminell, wertlos ist?  Die, die die Zäune bauen. Also Europa. (Siehe Kommentar „Reisende, nicht Migrantin“ )

Nun gibt es immer Lücken im System. Und Korruption ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Überall.  Doch woher das Geld zaubern? Ich arbeite für den Alltag. Viel bleibt da nicht. Er als Subsahra Afrikaner sieht sich in diesem Land jenen Einschränkungen gegenüber, die ich im Bericht „Strategien von Gestrandeten“ beschreibe. Und oft bin ich auch einfach in Deutschland. Dann ist er im Wald. Oder in einem Deportationsbus. Es gab schon Situationen, da bin ich mit meinem Weinglas in der Hand von der Kunstausstellung, über die ich einen Artikel schrieb, nach draußen getreten, um mit ihm aus dem Gefängnis heraus zu telefonieren. Das Militär hatte ihr Camp zerstört.

„Migration ist ein Gefängnis“

Als er in Algerien war sagte ihm ein Alteingesessener „Das Abenteuer (als Synonym für Migration aus ihrer Perspektive selbstverständlich) ist ein Gefängnis. Wer mental nicht stark genug ist wird entweder verrückt oder stirbt.“

Und ja, das stimmt. Das hat er damals noch nicht verstanden. Aber nach mehreren Jahren auf dieser Route, weiß er, wovon der Alte sprach. Und es ist wohl einer der am unterschätzen Aspekte, wenn es um Migranten geht. Irgendwann kann man nicht mehr. Keiner von uns kann sich vorstellen, welche psychologisch erniedrigende Situation es mit sich bringt, wenn einem ständig klar gemacht wird, dass man nichts wert ist. Politisch, administrativ, mit Zäunen, Knüppeln, mit Razzien und Vertreibung, mit Willkür, mit Beleidigungen auf der Straße, ohne andere Einnahmequelle als Tagelöhner oder Betteln – Spielball aller anderen zu sein, außer seiner eigenen Kapazitäten. Neben den Drang, bei seinem Sohn zu sein ist das ist mittlerweile die größte Belastung: die Psyche. Dies ist übrigens nicht nur meine Beobachtung, sondern von Psychologen und Therapeuten bestätigt. Die Angst seine besten Jahre zu versauern. Seine Wertigkeit nicht beweisen zu können.

Wer oder was ist hier verrückt – wir oder die Situation?

Wenn ich reisen darf, dann muss damit gerechnet werden, dass mich die Liebe eben nicht in Leipzig-Plagwitz trifft. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass es irgendwo anders passiert. (Ok, im Wald war nun auch nicht besonders wahrscheinlich, aber nun gut…) Die Grundaussage ist: ich bewege mich. Und wo ich bin, ist mein Herz. Das bleibt nicht in Leipzig-Plagwitz während ich im Waldcamp in Marokko bin.

Das klingt alles verrückt. Aber mal ganz ehrlich: wieso eigentlich?

Das mit der Liebe ist nun so ne Sache. Die schert sich nicht um Gesetze, Zäune, Farben, … isses nicht genau das, was immer alle besingen? Das ist doch die Moral von jeder Geschichte: alles, was von Menschen an Trennlinien kreiert wird ist der Liebe völlig schnuppe. All diese Trennlinien kreieren letztlich Misstrauen und Angst. Alte, menschliche Erfahrungen vermengen sich mit dem was Stereotypen, die Außenwelt, die Ideen über den anderen sagen. Sich davon zu lösen ist eine weitere, unsichtbare Hürde, die wir genommen haben. Und besonders schwer ist es sich gegenseitig zu versichern, wenn man auch noch physisch getrennt ist. Die Tatsache, dass wir genügend Motivation haben all diese Hürden zu nehmen (und das ist bei weitem nicht immer hübsch und fluffig) müsste doch ein noch größerer Beweis dafür sein, dass das einzig verrückte nicht wir, sondern die Situation ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.