Marokko: Die Strategien von Gestrandeten

Obwohl sich seit knapp 10 Jahren die Situation für jene, die über die westliche Route nach Spanien versuchen zu gelangen nichts wesentlich geändert hat (Zeitartikel von 2005), wurde die „Migrationskrise“ im vergangene Jahr zu einem Katalysator der EU Migrationspolitik. Nicht nur an der östlichen Grenze zu Europa hat sich daher mit der Schließung der Balkanroute die Lage verschärft. Hier einige Beispiele, wie die Menschen an der westlichen Grenze mit der Situationen umgehen: Gabriel in Tanger, die „Sauteur“ im Ghetto der Grenzstadt Tetouan und Frank. Namen geändert 

Marokkos Rolle – zwischen Regularisierung und Razzien

Gabriel wendet den Fisch in der Pfanne auf dem kleinen Gaskocher, der auf dem Fußboden steht. Seine Mitbewohnerin gibt immer mal einen guten Ratschlag, damit der Fisch nicht anbrennt. Im Wohnzimmer warten die Gäste auf ihr Essen. „Wir verkaufen ein Gericht für 25 Dirham. Damit halten wir uns über Wasser“, sagt der 32-Jährige. Zu sechst bezahlen sie 200 Euro im Monat für die Wohnung. Marokkaner bezahlten für die gleiche Wohnung die Hälfte, so der Kameruner. Gabriel teilt sich ein Bett mit einem Mitbewohner. Die anderen fünf schlafen auf Matratzen im Wohnzimmer. Hier in Boukhalef, einem Viertel der Hafenstadt Tanger, leben viele Migranten, wie Gabriel. Es ist ihre letzte Etappe nach mehreren Monaten oder Jahren der Reise. Doch für viele endet Marokko als Sackgasse.

Das Motive für alle, die eine Aufenthaltsgenehmigungen beantragt haben, war Arbeit zu finden. Ich habe ein Jahr damit zugebracht eine Arbeit zu finden. Ich habe es bei Call Center versucht, bei Unternehmen und auch auf Baustellen. Ich habe überall gesucht. Aber bis heute habe ich immer noch keine Arbeit.

Seit immer mehr Menschen in Marokko stranden, versucht sich das Land neu zu definieren. Ende 2014 startete das Königreich eine Kampagne: Ein Jahr lang konnten Migranten eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. 27.300 taten das. Gabriel ist einer von 17.900 Menschen, deren Anträge bewilligt wurden. „Ich habe schon überall versucht Arbeit zu finden. Aber auch das hat letztlich nichts gebracht.“ In seiner Stimme liegt Enttäuschung. Aber überrascht ist er nicht. Er versuchte es vergangenes Jahr mit einem kleinen Bistro. „Wegen der Razzien musste ich letztlich schließen. Die haben die Leute von der Straße weg verhaftet. Ob mit oder ohne Papiere..“ Heute ist das Viertel fast „migrantenfrei“. Um die Miete zu bezahlen fehlten ihm schlicht die Klienten.

Das war eher eine kleine Nische. Aber ich musste trotzdem 3000 Dirham (300 Euro) bezahlen. Da kannst du dir vorstellen, wie viel ich verkaufen musste. Und das war während einer Phase, wo man Subsahara Afrikaner ausquartiert hat. Während sie gegessen haben, hat man ihnen den Löffel aus der Hand genommen und sie verhaftet. Mitten aus meinen Resto heraus. Also musste ich schließen. Ich wusste einfach nicht mehr, wie ich die Miete bezahlen sollte.“

Unüberwindbare Grenzen

Auch die Waldcamps vor den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla werden seither immer wieder vom marokkanischen Militär regelrecht ausgeräuchert. Wenn sich die „Abenteurer“, wie sie sich selbst nennen, ausruhen wollen oder das Camp gerade zerstört wurde, kommen sie ins „Ghetto“ in der Grenzstadt Tetouan. Es sind jene, die keine Zeit verlieren wollen. Jene, die es über die sechs Meter hohen Zäune in die Enklaven versuchen. Dementsprechend erinnert das Hinterhaus in der Innenstadt eher an eine Behausung als ein zuhause. Über zwei Etagen erstrecken sich die Zimmer in denen nichts außer Matratzen ausgelegt sind. An den Wänden stehen die Namen derer, die hier waren und es nach Europa geschafft haben.

Ghetto Zimmer

Im Innenhof köcheln Spaghetti auf dem Gaskocher. Dieser Tage ist das „Ghetto“ von oben bis unten gefüllt. Denn vor einigen Tagen versuchten sie eine „attac massive“. Von 150 hat es keiner geschafft. Die jungen Männer sind aufgekratzt. „Das Militär kommt mittlerweile sogar mit Messern!“ Viele liegen verletzt in den Zimmern. Sie reden durcheinander. Jeder will sich Luft machen über dass, was sie an den Zäunen erleben. Es sei ein Krieg, sagen sie. Und sie seien Soldaten. „Dieses mal sind sieben gestorben. Offiziell sagen sie es war einer. Aber wir zählen. Wir wissen, wie viele los ziehen, zurück kommen oder drüben sind“.  

Im Africa-Frontex Intelligence Community Joint Report von 2015 ist die gesunkene Zahl derer, die es nach Spanien schaffen ein Beweis für funktionierende Methoden.

«These fences and moat, combined with implementation of readmission agreement between Morocco and Spain, reinforcement of Moroccan Border Guard Units protecting the fence and dismantlement of makeshift camps of irregular migrants, have reduced the numbers attempts».

Schafften es 2014 noch knapp 3000 Subsahara Afrikaner nach Melilla, waren es 2015 nur noch 200. Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Syrer erheblich gestiegen. Kamen 2013 noch um die 250 Syrer im Auffanglager Ceti in Melilla an, waren es nach Angaben des UNHC zum ersten Halbjahr 2015 zwanzigmal so viele,  nämlich über 4000. Doch das Ceti hat nur eine gewissen Aufnahmekapazität.

Wir kommen gerade von der Barriere. Es hat wieder nicht geklappt. Die Marokkaner riegeln die Grenze immer mehr ab. Sie haben sogar Messer und Knüppel Jedes Mal, wenn wir es versuchen, gibt es Tote. Warum? Wir kommen nicht, um mit den Marokkanern Krieg zu führen. Wir sind hier, um nach Europa zu kommen. Es gibt Leute die verlieren ihr Leben allein wegen der Stacheldrähte um die Zäune. Ich habe mehrmals mitgemacht. Und ich habe meinen Freund, meinen guten Freund, den ich seit der Heimat kenne, verloren. Er ist direkt neben mir gestorben.

 

Im Gegensatz zu Syrern können Subsahara-Afrikaner nicht per Grenzkontrolle auf spanisches Territorium gelangen. Die Selektion, wer bis ins Ceti kommt und wer nicht wird also schon allein an der Grenze vorgenommen. Denn an den Zäunen und auf dem Meer sind „heiße Abschiebungen“, also das „Zurückführen überhaupt erst möglich. Am 1. April 2015 wurden diese „Zurückführungen“ per EU legalisiert. 2014 wurden offizielle 17281 Menschen an der Grenze „zurückgeschickt“. Im ersten Halbjahr 2015 waren es um die 3500. Die Methode ist also nicht neu.  Der Kommandant der Guarda Civil sagt im Bericht der Menschrechtsorganisation GADEM, dass dieses Gesetz nun rechtlichen Schutz für die altbewährte Methode bringt. Im Oktober 2015 wurde die Anklage gegen 16 spanische Grenzsoldaten abgelehnt, die am 6. Februar 2014 mit Gummigeschossen und Tränengas bei einem Massenansturm auf Migranten schossen. Dabei sind offiziell 15 Menschen um´s Leben gekommen.  Überlebende wollten mit Hilfe von Anwälten ein Verfahren gegen die schießenden Grenzbeamten einleiten offiziell straffrei – es wurde als „legitim“ und „notwendig“ bezeichnet. Die Beamten seien dazu „gezwungen gewesen“, so heißt es.

Während 2005 die Methode der Massenanstürme noch eine neue war, ist diese nun eine altbewährte. Denn es ist ein Krieg geworden. Je höher die Zäune und je mehr Militär, desto brutaler das Aufeinandertreffen. Und so versuchen sie es weiter und bereiten sich mental auf das vor, was auf sie am Zaun wartet.

Ausweichen auf gefährlichere Routen

Stetige missglückte Versuche, menschliche Verluste, Razzien und Verschuldung – die Lage im vergangenen Jahr brachte viele Menschen dazu, nach Libyen auszuweichen. Regelmäßig werden auf Facebook Fotos von Menschen gepostet, die nach Libyen gingen und nun hier in Marokko in der Kommune betrauert werden. Der 26-Jährige Frank (Name geändert) ist seit fünf Jahren in Marokko. Unzählige Male hat er es versucht. Als ihm sein Bruder vergangenes Jahr folgen wollte, wollte er ihn nicht auch noch in Marokko „enden lassen“. Also empfahl er ihm es gleich über Libyen zu versuchen. „Er musste dort Granaten, Gewehre und alle möglichen Waffen verladen. Denn wenn du dich weigerst, erschießen sie dich. Letztlich musste meine Familie zusammenlegen, um die Fahrt zu bezahlen.“, erklärt der Kameruner. Sein Bruder hatte Glück: Weihnachten 2015 hat ihn das deutsche Rote Kreuz auf dem Mittelmeer eingesammelt und nach Italien gebracht. Die Familie sei stolz, sagt er. Auch für den Ratschlag, den er seinem Bruder gegeben hat. Denn dieser habe es schon geschafft wo hingegen er noch immer in Marokko sei. Doch der Preis für seinen Bruder war hoch. Finanziell und vor allem mental. „Wir reden viel über Imo. Nach seinen Erzählungen denke ich mir: ich versuche es weiter von hier aus.“

Mein Bruder wollte auch hier her. Ich habe gesagt: Ok, wenn du darauf bestehst. Aber ich empfehle dir über Libyen zu gehen. Da dort Krieg herrscht musste er dort Bomben, Kalachnikows und Granaten verladen. Wenn du diskutierst, töten die dich. Er ist so gut wie nie aus dem Haus gegangen, weil draußen die ganze Zeit Krieg war. Manchmal ist er gar nicht raus und hat zwei Tage einfach nichts gegessen. Da gab es ein Internetcafé. Von da aus hat er mich angerufen und gesagt, dass er nichts hat. Meine Mutter musste also Geld bei Reunion einsammeln, um es dann meinem Bruder zu schicken.

 

Weiterführende Links:

Voie des migrants. Facebookseite von Migranten in Marokko

https://www.facebook.com/groups/916987398339977/1111544512217597/?notif_t=group_activity&notif_id=1468416036053284

Film zur Situation nach den Deportationen von Migrant „Polofri“

https://www.youtube.com/watch?v=r8cBaSerQ5Y