Hausbesetzung zum Hauserhalt – wie Wächterhäuser Leipzig attraktiv machten

Leipzig boomt. Doch es ist noch gar nicht lange her, da zeichnete sich die Stadt vor allem durch Leerstand und Baufälligkeit aus. Besonders die stark gründerzeitlich geprägten Stadtteile im Leipziger Westen und Osten waren betroffen. In den vergangenen 15 Jahren Jahre schmückten große gelbe Banner immer mehr von diesen Gründerbauten, meist in unattraktiver Lage und an Straßenkreuzungen.  Wächterhaus stand dort geschrieben. Künstler und Kreative schlugen dort ihre Quartiere auf. Heute sucht man die Banner weitestgehend vergebens. Wo sind sie hin? Fanny Kniestedt hat sich auf die Suche begeben.

Seit 2014 bietet das Wächterhaus am Stannebeinplatz kostenlosen Raum zum Ausprobieren. Schon 2007 wurde das Konzept vom Verein HausHalten entwickelt. Über 60.000 Häuser standen damals leer und verfielen. Das Ziel des Vereins war es, die Gründerbauten durch die weitere Nutzung zumindest zu erhalten. Dass die Häuser so gut angenommen wurden – damit hatte keiner gerechnet, sagt Hannes Lindemann.

„Wir haben gedacht, dass wir pro Haus vielleicht ein, zwei Menschen finden, die da als Wächter mit so ner Laterne ab und zu durch gehen und gucken, dass die Fenster zu sind, das Dach dicht ist. Aber wir hatten so viel Bewerber, dass wir die Häuser füllen konnten mit Nutzern, mit Kreativen, mit Leuten, die Vereine haben, mit Leuten, die ein Kleingewerbe haben. Und so hat sich das Modell Wächterhaus in Leipzig etabliert.“

Das Interesse war so groß, dass auch die Stadt das Potenzial der Idee erkannte. Und so unterstützte das Dezernat für Stadtentwicklung diese Form der Zwischennutzung. Nicht nur die Bausubstanz erhielt sich so. Kreative und Künstler brachten auch eine neue Dynamik in die Viertel – und beförderten damit auch Zuzug. Mittlerweile mindere die gewerbliche Nutzung von Wohnraum jedoch den Wohnwert, sagt Frank Amey vom Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung.

„Genau an dieser Stelle sind wir jetzt heute 2020, wo die Stadt natürlich erheblich Bedarfe hat an Wohnraum. Wir haben ja enorm abgerissen auch an gründerbaulicher Substanz, die so beliebt war auch gerade bei den Kreativen, wo wir in der Situation sind, dass wir diese gewerbliche Nutzung nicht mehr wollen, weil wir umsteuern mussten im Sinne auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Und diese Gebäude, die zwischengenutzt wurden damals sind jetzt entweder modernisiert oder in Wert gesetzt für Wohnnutzung. Und das ist auch gut so. So gesehen ist Leipzig in der Normalität einer Stadt angekommen.“

Von den 18 Wächterhäusern gibt es aktuell nur noch vier. 2022 soll das Letzte weichen. Leerstand gäbe es zwar immer noch, so Amey. Doch Eigentümer hätten durch die große Nachfrage mittlerweile auch eine größere Auswahl, was sie mit ihren Häusern machen können. Eine Zwischennutzung zum Hauserhalt ist in Leipzig einfach nicht mehr nötig. Doch auch Kreative gibt es immer noch. Nun gehe es für Leipzig eher darum, Freiräume jenseits des gehobene Marktes zu erhalten, so Hannes Lindemann von HausHalten. Wächterhäuser können aber womöglich noch außerhalb Leipzigs positiven Einfluss nehmen, vielleicht sogar das Land für junge Leute attraktiv zu machen. Dort nämlich, wo es noch Häuser gibt, die zu verfallen drohen.

Wenn man es schafft in kleineren Städten, wo vielleicht keine Universität ist, wo es nicht den großen Austausch gibt an Studierenden mit frischen Ideen und denen auch Plattformen zu geben sich in nicht großstädtischen Gebieten auszuleben, könnten wir einen Beitrag dazu liefern.

Die gelben Banner gehören zwar bald nicht mehr zum Leipziger Stadtbild. Dafür hängen nun neue in Wurzen, Altenburg und Görlitz

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