Rassismus unter Kindern – und was Erzieher*innen tun können

Kinder sind farbenblind und kennen keinen Rassismus. Davon gehen viele Erwachsene aus. Kinder werden sogar als Vorbild hochgehalten, als unbefleckt und rein gesehen. Viele sind der festen Überzeugung, dass in der Kita oder der Schule nie Unterschiede gemacht wurden – davon sind aber vor allem Weiße Personen überzeugt. Person of Colour hingegen wissen, dass dem nicht so ist. Denn Rassismus begleitet sie seit ihrer Kindheit. Gerade Kitas und Grundschulen sind dabei Orte, in denen Rassismen einerseits an Weiße Kinder weitergegeben und unter denen andererseits Schwarze Kinder leiden müssen. Welche Rolle ErieherInnen und LehrerInnen spielen hat Fanny Kniestedt beleuchtet. Achtung: Triggerwarnung.

Auf dem Spielplatz sagt ein etwa fünfjähriges Kind: Hier stinkts – so wie Schwarze Menschen stinken. Sie meinte das eineinhalbjährige Kind, das neben ihr im Sand spielte. Ein Junge schreit über den Platz: „die Ausländer geben den Ball nicht ab!“ Eine Gruppe von Mädchen sagt zu einer etwa siebenjährigen: geh weg, du gehörst hier nicht hin, du siehst komisch aus – das sind nur einige Erfahrungen, von denen Eltern von Kids of Colour berichten können.

Miriam Nadimi Amin ist Pädagogin und leitet Workshops in Kitas zum Thema Diskriminierung. „Rassistisches Verhalten bei Kindern sei keine Frage von schlechtem Charakter, so die Pädagogin. Kinder saugten einfach alles auf, was sie an Informationen bekämen, um sich die Welt zu erklären.

Es ist nicht nur das, WAS gesagt wird, die Antworten, die sie bekommen als zwei oder drei jährige, sondern es ist auch das, was nicht gesagt wird, über Mimik und Gestik, was transportiert wird. Es sind noch keine gefestigten Vorurteile. Es ist die Suche nach Antworten auf ihre Fragen und da spielen natürlich ErzieherInnen ne ganz große Rolle, auch Eltern natürlich, wir alle als Erwachsene.

Erwachsene würden die feinen Antennen von Kindern grundsätzlich unterschätzen, so Nadimi Amin. Um rassistische Muster zu durchbrechen müssten sich Erwachsene ihrer eigenen rassistischen Prägung stellen, um Erklärungsmuster nicht weiter zu geben. Das gilt besonders für pädagogisches Personal, also ErzieherInnen und LehrerInnen. Doch noch immer ist rassismuskritisches Denken nicht Teil der Ausbildung. Eine Mutter berichtet von einem Ereignis in der Schule ihrer Tochter:

„Das war der Jahreszeitentisch und auf dem Jahreszeitentisch standen sieben weiße Zwerge und Matilda hatte gesagt: ja da kann da ja mal ein schwarzer Zwerg mit rauf und dann hat sie nen schwarzen Zwerg mitgebracht. Und in einem Lehrergespräch wurde mir gesagt, dass dieser schwarze Zwerg zu enormer Unruhe und zu enorm beängstigten Kindern geführt hätte“  Das Schwarze stünde für das Böse und den Tod, meint die Lehrerin und bezieht sich dabei auf den umstrittenen Begründer der Waldorf-Pädagogik Rudolph Steiner.

„Da wurde ja nicht reflektiert woher kommt das denn. Das kommt ja wirklich aus der Kolonialzeit, wo in schwarz und weiß eingeteilt wurde und wo das eine mit schlecht belegt wurde und böse und das andere mit gut . Das ist ja dann unmöglich für ein kleines Mädchen sich dann wohl zu fühlen und zu sagen: mit mir stimmt alles.“

so die Pädagogin Nadimi Amin. Besonders fatal für Kinder sei, wenn die ErzieherInnen Verhaltensweisen mit vermeintlicher Herkunft verknüpfen. Mathildes Mutter erzählt.

„Im Kindergarten einer ihrer Freunde war der Hakun, da ist der Papa aus Indien ,da war´s dann immer das „Indische“ was da quasi zu so nem „aufrührerischen“ Verhalten geführt hat. Also die wurde ständig angerufen. Und ständig musste die das Kind abholen, obwohl er quasi nur in der Mitte war.“

Laut Nadimi Amin sei es zudem gängige Praxis von ErzieherInnen und LehrerInnen, rassistisches Verhalten – sei es von anderen Kindern oder von ihnen selbst – zu relativieren. Das sei enorm fatal, so Nadimi Amin. Denn wenn ein Kind Rassismus erfährt, muss es nicht zusätzlich noch Verständnis aufbringen.

Stephanie Trögel-Zettl ist Erzieherin in einer Leipziger Kita. Die Kita hat sich aktiv dazu entschlossen, ihre Mitarbeiter rassismuskritisch zu schulen und macht regelmäßig Workshops mit Miriam Nadimi Amin. Die 33-Jährige Erzieherin hat in den Workshops vor allem gelernt, sich selbst zu hinterfragen.

Also für mich war mal so n Aha-Effekt. da hat mal n Kind zu mir gesagt: Wo ist „Hautfarbe“. Wo ich mir denke: was für ein Stift ist Hautfarbe? Also das war bei mir so n absoluter Aha-Effekt. Klar natürlich, hätte ich jetzt zu ner bestimmten Farbe gegriffen. Aber in dem Moment habe ich mir glaub ich auch selber verdeutlicht, dass es für jeden ja was anderes bedeutet, was Hautfarbe ist. 

Die Kita hat sich außerdem aktiv mit Inhalten von gängigen Büchern beschäftigt, hat Puppen jeder Couleur bestellt – achtet nun mehr auf Diversität. Eine Studie aus dem Jahr 2012 von Jenaer Psychologen fand heraus, dass fiktive Geschichten genauso gut Vorurteile abbauen können, wie persönliche Kontakte. Wichtig sei, so Nadimi Amin, dass klar werde, wann Unterschiede eine Rolle spielten und wann nicht:

„Es ist zum Beispiel interessant für ein Mädchen, dass zum Beispiel Haare hat, die stark gelockt sind ein Buch über seine Haare zu finden Das ist wunderbar, es betrifft sie und sie darf sich mit ihren Haaren schön fühlen auch, wenn sie in der Minderheit ist.“

Solche Bücher gibt es durchaus. Diese Diversität sei jedoch in Kitas und Grundschulen überhaupt nicht vorhanden, so Nadimi Amin. Eigentlich sei das Kita- und Grundschulalter ein sehr dankbares und chancenreiches, sagt die Pädagogin. Ob sich Vorurteile verfestigen oder nicht ist jedoch davon abhängig, was den Kinder an Orientierung angeboten wird und ob sich ErzieherInnen und LehrerInnen mit ihren eigenen Rassismen konfrontieren wollen.

Mein Beitrag im Deutschlandfunk wie wir Rassismus begegnen können. Hier: in der Kita.

https://www.audiolibrix.de/en/Podcast/Listen/1036783/rassismus-unter-kindern-und-was-erzieher-innen-tun-konnen#

weiterführende Links:

zur rassismuskritischer Bildungsarbeit:

https://www.amazon.de/Rassismuskritik-Rassismuskritische-Bildungsarbeit-Politik-Bildung/dp/3899743687

Anitdiskriminiersungstrainierin/Seminare für Pädagogen https://miriam-nadimi-amin.de/

alternative Literatur für Kinder:

Kinderbücher: Was ich meinem Kind nicht vorlese