Information is key – wie Medien und Aktivismus zusammenspielen


Das Radio – immer noch alternativlos

Trotz Internet: das Radio ist das Medium Nummer eins. Weltweit werden nach Angaben der UNESCO täglich sechs Milliarden Hörer erreicht. In vielen Gebieten ist das Radio Garant für Informationen. Sei es für die schnelle Notfallkommunikation in Katastrophengebieten. Oder als kostengünstige Möglichkeit für Menschen in ländlichen, abgeschnittenen oder armen Gegenden in ihrer Landessprache an gesellschaftlichen Diskursen zu teilzunehmen. Außerdem kann das Radio mit speziellen Informationen für Landwirte zu erfolgreicheren Ernten führen, Schulprogramme senden oder zur Gesundheitsvorsorge eingesetzt werden. Deshalb hat die UNESCO dem Radio einen eigenen Tag geschenkt: am 13.Februar jeden Jahres ist Welt-Radio-Tag.

Radio in Afrika

African Farm Radio Research Initiative (AFRRI)  hat ermittelt, dass es über 800 Millionen Radios in Sub-Sahara Afrika gibt. Außerdem, dass um die 76 % aller Haushalte ein Radio besitzen. Das Radio hat für Afrika also ein ganz besondere Bedeutung.

Beispiele

Radio-Kooperation mit Culture Radio in Sierra Leone und MiCT, die mit dem Projekt „ByeBye Ebola“ gegen die Krankheit an“senden“.

Unabhängig von Strom, Internet und politischer Lage – POCKET FM

Wenn ein Präsident beschließt, unabhängige Medien zu verbieten oder das Internet abzustellen. Wenn es Glasfaserkabel oder Strom nicht bis in die ländlichen Gegenden schaffen. Wenn ein Fernsehgerät zu teuer ist. Wenn man, um Zeitungen zu verstehen, lesen können muss. Dann kommt das gute alte Radio zum Einsatz. In Krisen- und Kriegsgebieten kommen weitere Hürden hinzu, die die Berliner NGO MiCT (Media in Cooperation and Transition) mit einem besonderen Gerät überwindet: POCKET FM. Das Radio wurde im Zuge des Syrien-Krieges  entwickelt. Nun gibt es eine neue Version, die auf dem Global Media Forum am 14.6.2016 vorgestellt wurde.

Wer mehr Informationen möchte, kann hier nachlesen:

http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/mit-flinker-radiotechnik-gegen-gewalt-1.18384038
Informationen on the road – Exilradios für die Diaspora und Migrantenkommune

Radio Mboa in Marokko.

Exilradio in Marokko von Subsahara-Afrikaner

Ohne PR funktioniert auch Aktivismus nicht. Um die Notfallnummer in der afrikanischen Diaspora in Marokko bekannter zu machen, haben sich die beiden senegalesischen Aktivisten Aruna und Chris mit „Radio du Mboa“, einem Community-Radio aus Casablanca, vernetzt. Zusammen mit Olly aus Brazaville und … aus Bamako wollen sie eine große Anzahl derer erreichen, die sich entschieden haben nach Europa rüber zu setzen.

„Wir wollen weder ermutigen, noch entmutigen. Aber wenn die Entscheidung gefallen ist, die Reise anzutreten, nehmt bitte die Notfalltelefonnummer mit. Wir können selber keine Rettungsaktionen umsetzen. Aber wir können Autoritäten informieren, die Rettungsaktion überwachen und wenn nötig, Öffentlichkeit erregen und so Druck ausüben. Mehr Informationen findet ihr auf unserer facebookseite.“ Geschafft. Nach mehreren Versuchen ist der Text eingesprochen. Obwohl Moderator … mit strengen Blick unter seiner Brille hindurch nicht zimperlich war. Hier anders betonen. Dort knapper formulieren. Den Mund weiter weg oder dichter ran zum Mikro. Aruna´s Part, der französische Text, dauerte am längsten. Die anderen drei haben die Kritik aufgesogen und daran gelernt. Für ihren Text brauchen sie jeweils nur zwei Versuche. Dann ist der Auftrag, der die vier nach Casablanca gebracht hat, ausgeführt.

„Wir sind hier her gekommen, um diesen Text einzusprechen, damit er regelmäßig ins Programm eingestreut werden kann. Und da es viele Kommunen gibt, die diese Information erhalten sollten, haben wir ihn gleich in mehreren Sprachen aufgenommen. Ich habe Französisch übernommen und Chris Englisch. Damit decken wir einen Großteil der Leute ab. Olly ist für Lingalla mitgekommen. Für diejenigen, die aus der Region Brazzaville, aus dem Großraum Zentralafrikas kommen. …. für das Bambabra, das vor allem in Mali, Niger und …gesprochen wird. So erreichen wir noch mehr Menschen.“ erklärt Aruna. Der schmächtige, 1,70 Meter große Senegalese ist seit fünf Jahren Aktivist. Hilft aus, wenn jemand Medikamente braucht. Kennt die Polizeistrukturen. Und ist selber oft derjenige, der abnimmt, wenn das Notfalltelefon angeklingelt wird.

Er trägt Jeans in modernem, ausgewaschenen Look. Auf dem Kopf ein rotes Capi. Von Weitem könnte man ihn für einen Jugendlichen halten. An seinem Bart sind jedoch die ersten Stoppeln grau. Seiner Stimme hört man das jahrelange Rauchen an. Und in seinen Augen sieht man die Erfahrung. Die Erfahrung, die er mit vielen Migranten teilt. Den Weg vom Senegal nach Marokko. Das langjährige Warten an der Grenze zu Europa. Er kennt Marokko. Hat in der politischen Hauptstadt Rabat, in der Metropole Casablanca gewohnt. Und direkt an der Grenze in Tanger. Sieben Jahre war er dann in Europa. Sein kleiner Bruder lebt noch immer in Spanien. Er selbst entschied sich jedoch nach Marokko zurück zu kommen. Hier hat er eine Aufgabe. Eine Aufgabe, die sich gut anfühlt. „Ich war da. Überall. In Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland…aber da wird man nicht gleich behandelt so, wie es viele denken. Da bist du nicht freier. Und du bekommst auch keinen Job.“ Er lehnt am Fenster der kahlen Küche und raucht eine Pausenzigarette. „Aber jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen.“, sagt er und zieht ein letztes Mal, bevor er die anderen holt. Zeit sich wieder auf den Weg nach Tanger zu machen.

Insgesamt hat der Aufenthalt bei „Radio du Mbao“ etwas mehr als eine Stunde gedauert. Das Radio besteht aus einem Raum, einem Mensch, einem Laptop, einer Couchecke und drei Mikrofonen. Für diese eine Stunde sind Aktivist Aruna und sein „Zögling“ Chris seit morgens um sieben auf den Beinen. Von Tanger sind sie über Rabat nach Casablanca gefahren. Insgesamt um die viereinhalb Stunden Fahrt. Die Organisation „No Borders“ unterstützt zwar finanziell solche „Arbeitsreisen“. Doch die Finanzen sind trotz allem nie voll und ganz abgedeckt. Jedem ist klar, dass diese Arbeit eigene zeitliche, emotionale und auch finanzielle Ressourcen anzapft. Doch sie sind sich sicher, dass es das wert war. Denn so, wie in fast allen Teilen Afrikas, ist auch hier das Radio für die meisten Sub-Sahara Afrikaner Informationsquelle Nummer eins. Eine sehr viel effektivere Möglichkeit zu informieren als nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda. So, wie sie es in Tanger hauptsächlich tun. Dort gehen sie direkt zu den Kommunen. In die Wälder. Direkt zu denen, die in Tanger sind, um ihre Überfahrt zu organisieren. Hier in Casablanca dürfen Migranten leichter über ihre politische Situation reden. Selbst im Radio. Hier können die Aktivisten offen aussprechen, dass sie Teil eines Netzwerkes sind, dass sich für die Klandestinen einsetzt und sich bemüht, sie direkt und praktisch zu unterstützen, weil sie sonst keine Hilfe erhalten. Ganz im Gegenteil. Hier darf ausgesprochen werden, was jeder weiß doch keiner hören will.

Vor ein paar Monaten waren sie schon mal hier bei „Radio du Mbao“. Denn das Team, dass das Notfalltelefon in Marokko betreut, gibt es erst seit Oktober letzten Jahres. Bevor die vier die Texte einsprechen, eröffnet der Moderator die Emmission „ Sauvage l´Afrique“ noch mit einem Gespräch zur Notfallnummer selbst. Denn den Menschen hier ist nicht ganz klar, warum trotzdem so viele beim Versuch der Überfahrt sterben, obwohl es diese Nummer gibt.

„Deswegen habe wir auch extra nochmal betont, dass wir selber keine Rettungsaktionen durchführen.“ stellt Aruna klar. Er sitzt auf der Vorderkante des Sessels, verleiht seinen Worten mit seiner Körperspannung Ausdruck. Es würden falsche Erwartungen über unsere Funktion geschürt, erklärt er dem Moderator. Deshalb seien sie ja hier. Sie wollten klar stellen, was das Telefon kann und was nicht. Wenn das jeder verstanden habe, könne auch Vertrauen zu der Nummer entstehen.

Vertrauen entsteht vor allem, wenn man versteht, was gesagt wird. Die Idee mit den Übersetzern fanden alle in der Aktivistengruppe gut. Auf halber Strecke, in Rabat, haben sich die vier Männer in einem Kaffee getroffen, ein wenig geplaudert und sind dann zusammen nach Casablanca gefahren.„Wir haben die beiden über einen Freund empfohlen bekommen. Wir sehen sie heute zum ersten Mal“, sagt Aruna. Die Observierungs- und Spitzelsituation darf in Marokko nicht unterschätzt werden. Aber unter Aktivisten müsse man sich vertrauen können.

Olly kommt aus der Zentralafrikanischen Republik Kongo. Er ist vor einigen Jahren zum Studieren nach Marokko gekommen und wolle Kino machen, sagt er aus vollem Brustton. Er ist sportlich, setzt wegen Lässigkeit auch im dunklen Bus die Sonnenbrille nicht ab und redet eloquent vom afrikanischen Blickwinkel des Kinos. Für seine Schwester, die klandestin in Marokko lebt, ist er wieder nach Rabat gezogen. Auch, wenn er durch das Studium schon die Möglichkeit hatte nach Georgien und China zu reisen – auch er kennt die Situation von vielen Illegalen. Ihm geht es vor allem darum, dass so, wie er es durfte, Menschen sich in ihrer mentalen Kapazität entfalten können müssen. Und sich deshalb auch frei bewegen können müssen. „Anderes zu sehen, selber daran zu wachsen, Situationen zu überstehen….all das muss doch jeder tun dürfen. Nur, weil man irgendwo hin geht, heißt das ja nicht, dass man da sein Leben lang bleiben will. Das Leben ist doch ein Projekt.“ In Brazzaville konnte er nicht das tun, was er für sich entschieden hatte. Also ist er gegangen. Das sollte für jeden möglich sein dürfen, ohne sich für seine Herkunft ständig entschuldigen zu müssen findet er. Für ihn sei das etwas Selbstverständliches. „Für Europäer ist es das doch auch.“

…ist das Gegenteil von Olly. Mit Ordner unter dem gräulichen, sauber gebügelte Hemd begrüßt er den Rest der Gruppe, als er beim Treffpunkt im Café eintrifft. Er hat Schwierigkeiten, jemandem in die Augen zu Blicken. Er versteckt sich. Man merkt ihn in der Gruppe kaum. Doch seine Aufgabe beim Radio erfüllt er mit voller Inbrunst und schmetterndem Bariton. Er wird gehört. Er ist wichtig. Etwas, was ihm wohl nicht oft widerfahren ist. Der …-jährige Malier lebt seit einem Jahr in Marokko. Vorher war er zwei Jahre in Algerien. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Mali und Algerien haben es ihm erleichtert eine Arbeit zu bekommen. In Marokko gebe er nun Französisch-Unterricht an Marokkaner und lerne selber Darija bei einer Assoziation. Alles auf Freiwilligenbasis. Nur ab und an bekommt etwas Aufwandsentschädigung. „Aber der Rassismus ist in Algerien noch viel schlimmer“, sagt er, als müsse er sich dafür entschuldigen, dass er sich dazu entschieden hat, trotz der besseren ökonomischen Voraussetzungen, weiter zu ziehen. Den ganzen Tag checkt er sein Telefon und schüttelt immer mal wieder den Kopf. Wieder neue Kämpfe zwischen den Islamisten und der Regierung in Mali…

Während der Moderator die Details erfragt,wie denn nun tatsächlich geholfen werden kann, erhält Aruna einen Anruf. Dieser reißt ihn vom Sessel hoch und entlockt ihm einen kleinen Freudenschrei. Die Aufnahme muss unterbrochen werden.“ Bozaaa!! 42 haben es geschafft!“, sagt er mehr in den Raum als an die anderen gerichtet. Seit der Ankunft in Casablanca hat Aruna immer wieder telefoniert. Auf dem Weg vom Busbahnhof zum Stadtzentrum. Von dort im öffentlichen Bus bis zum Radio. Nun kennen alle den Grund. Mit einem breiten Grinsen sagt er dem Moderator „Das kannst du gleich noch ans Ende des Programms mit rein nehmen. Dann wissen die Leute auch ganz genau, was wir erreichen können. Ich wurde angerufen von jemandem auf dem Boot, als es sich vor den kanarischen Inseln in Seenot befand. Dann habe ich das Notfalltelefon angerufen und die haben ihre Arbeit gemacht – die Küstenwache informiert, die Position gecheckt, Druck ausgeübt, sodass es keinen Push-Back gab. Und es hat funktioniert. Sie sind auf der spanischen Seite! 42! “ sagt er überglücklich und froh, einen so eindeutigen Beweis liefern zu können, warum ihre Arbeit so wichtig ist.